Heilsame Verunsicherung
Eine Begegnung mit dem Historiker Helmut Zander

von Rüdiger Sünner (info3, März 2008) PDF

Für meinen Film "Abenteuer Anthroposophie" wollte ich natürlich auch den Historiker Helmut Zander interviewen, dessen 1800 Seiten Werk "Anthroposophie in Deutschland" seit geraumer Zeit bei Steiner-Anhängern und in den Medien für Aufregung sorgt. Nach einem ersten Treffen lehnte Zander ein Interview ab, weil ihm das Medium Film "zu wenig diskursiv" erschien, aber nach einem weiteren Vorgespräch willigte er dann doch ein.
"Sie sind doch auch ne kölsche Jung", begrüsste er mich, nachdem er erfahren hatte, dass ich wie er aus dem Rheinland komme. Zander spricht mit unüberhörbarem Kölner Akzent, was seinen mündlichen Äusserungen im Gegensatz zu seinen Texten einen gemütvolleren Charakter gibt. Er ist ein brillianter Kopf, gleichermassen in Geschichte wie in Theologie bewandert, der einen beim Gespräch mit äusserst wachen, ja fast blitzenden Augen ansieht. Wirkte er beim ersten Kennenlernen noch wie ein kühler Rationalist, der sich selbst als "Hardcore-Wissenschaftler" bezeichnete, so kamen bei späteren Gesprächen doch auch andere Seiten zum Vorschein.

Immer häufiger betonte Zander, dass er Steiners Ideenwelt durch seine historische Kontextualisierung nicht zerstören, sondern im Durchgang durch kritisches Fragen zum Entstehen einer neuen, "aufgeklärteren" Anthroposophie beitragen wolle. Zander hat eigentlich ein ambivalentes Verhältnis zur Anthroposophie, was im persönlichen Gespräch noch viel stärker herauskommt als in der Habilitationsschrift oder in seinen Medienauftritten. Dort muss er ein bisschen dem öffentlichen Tenor Genüge tragen, der - zu Recht - nicht nur gereizt auf jeden Rassismusverdacht reagiert, sondern - zu Unrecht - auch eine generelle Aversion gegenüber allem Esoterischen ausserhalb der Weltreligionen hegt. Trotzdem haben mir die Gespräche mit Zander durchaus Spass gemacht und hinterliessen manche Denkanstösse. Auch ich habe zu Steiner ein ambivalentes Verhältnis und kann mir gar nicht vorstellen, wie man ein anderes zu ihm haben kann. In Gesprächen mit hundertprozentigen Anhängern als auch mit erbitterten Gegnern werde ich meist zum advocatus diaboli, der Steiner mal kritisch hinterfragt und mal in Schutz nimmt. Wie soll man auch anders mit einer solchen Rätselfigur umgehen, die beanspruchte, übersinnliche Einsichten in jeden Bereich von Leben, Tod und Kosmos zu besitzen?

Zanders Skepsis gegenüber der von Steiner behaupteten Fähigkeit zur "hellsichtigen Schau" zeugen für mich erstmal nicht von Respektlosigkeit oder Zerstörungswut, sondern regt an, Argumente dafür zu finden, was Steiner mit seiner "geistigen Schau" eigentlich gemeint haben könnte. Dem gingen aber bisher die Anthroposophen aus dem Wege, die z.T. äusserst gereizt auf Zander reagierten und ihn mit manchmal unter der Gürtellinie liegenden Beleidigungen zu attackieren versuchten ("erzdumm", "bösartig", "völlig unwissenschaftlich" etc.) Diese aus tiefen Verletzungen (oder aus blanker Rechthaberei?) resultierenden Angriffe habe ich nie verstanden. Keiner dieser Steiner-Apologeten hatte es jemals für nötig gehalten, Nicht-Anthroposophen zu erklären, was es denn mit den telepathischen Fähigkeiten der Atlantier oder dem Lesen in der Akasha-Chronik auf sich hat, sondern man begnügte sich mit dem Vorwurf, Zander habe sich nicht bemüht, Steiners Geisteswissenschaft "von innen" zu verstehen. Dem folgte meist der herablassende Rat, doch ein paar Jahre bestimmte spirituelle Denkübungen zu betreiben. Zander verweist demgegenüber z.B. auf ältere Atlantis-Texte (z.B. Scott-Elliott), die fast identische Formulierungen wie bei Steiner enthalten und erklärt dessen Werk zu einer "bricolage" von bereits bestehenden Ideen. Trotzdem gesteht er Steiner durchaus ein schöpferisches Potential zu, was in der Zander-Kritik bisher kaum erwähnt wurde. Er spricht ausdrücklich von Steiners "Fortschreibung" älterer, z.B. theosophischer Traditionen und von seiner "kreativen Intelligenz".

Vielleicht besteht Zanders Hauptproblem daraus, nicht genügend erklärt zu haben, was er eigentlich mit dieser Kreativität meint. Denn bei einer solchen Untersuchung käme man vielleicht auch auf Bereiche, die nicht mehr nur rational zu erklären sind; immerhin spielen in den kreativen Akt Phänomene hinein, die die Sprache nicht umsonst mit spirituellen Begriffen wie "Eingebung", "Einfall" oder "Geistesblitz" zu umschreiben versucht. Die Griechen kannten noch die Existenz eines "daimonos" oder von "Musen", die dem Menschen Dinge zuflüstern, ihn zu Ideen anregen, die nicht alleine aus dem Bestehenden oder aus rein logisch-diskursivem Denken zu erklären sind. Jeder Erfinder oder geniale Wissenschaftler kennt solche Momente, wenn ihm z.B. Träume oder Visionen bei der Entstehung eines völlig neuen Gedankenzusammenhanges helfen und er nachher nicht weiss, wie dies eigentlich passiert ist. Ist er nicht dabei auch an einen höheren, übersinnlichen Raum angeschlossen, dessen geistige Strukturen er vielleicht nur in seinem Denken spiegelt oder zu eigenständiger Weiterentwicklung aufnimmt? Waren somit nicht auch Johannes Kepler, Albert Einstein und Werner Heisenberg vorübergehend an die Akasha-Chronik angeschlossen?
Wissenschaftshistoriker wie Thomas Kuhn, Kurt Hübner, Paul Feyerabend oder Ernst-Peter Fischer haben darüber vieles Interessante zusammengetragen. Spricht man Zander auf solche Dinge an, bemerkt man eine Öffnung und eine Bereitschaft, auch über solche Phänomene nachzudenken. Vielleicht will er solche Dinge nur nicht im Raum des blossen Raunens oder Glaubens belassen, sondern in die Tageshelle einer auch wissenschaftlich fundierten Erkenntnis ziehen.

Dasselbe gilt für den Versuch, mithilfe von moderner Mythen- und Metaphernforschung dem spezifischen und oft bildhaften Denken Steiners näherzukommen. Zander weiss, dass in der Forschung mythische Denksysteme und metaphorische Ausdrucksweisen schon lange nicht mehr als defizitäre Vorstufen wissenschaftlicher Rationalität gesehen werden, sondern als eigenständige Diskurse mit einer ganz eigenen Logik und Klassifikationsleistung. Claude Levi-Strauss, Karl Kerenyi, Joseph Campbell und Hans Blumenberg sind nur einige prominente Namen, die zu dieser Rehabilitierung des Mythisch-Bildhaften beigetragen haben. In unserem Gespräch war Zander denn auch durchaus geneigt, diesem Weg ein Stück zu folgen, um neue, auch durch Wissenschaft vertiefte Zugänge zu Steiners Denken zu bahnen. Denn in der Anthroposophie wimmelt es ja von grossen Bildern: der alte Saturn, die lebendige Erde, Michael, Luzifer, Ahriman, die Elementargeister der Natur, die Erzengel, der Gral, König Artus' Tafelrunde, Atlantis sind für mich eher Bilder als Begriffe und rekurrieren ja oft genug auf die geistigen Erfahrungen tatsächlicher Mythen. Mich hat es immer gewundert, dass Anthroposophen auf diesem Felde so wenig geforscht haben, um von hier Anschluss an hochinteressante wissenschaftliche Traditionen der letzten 100 Jahre zu finden. Kreative Theologen wie Hans Küng, Dorothee Sölle und Eugen Drewermann haben dies eher getan und waren dadurch in der Lage, auch nichtgläubigen Menschen etwas von der tiefen existentiellen Dimension christlicher Symbolwelten näherzubringen.

Beim Gespräch mit Zander dachte ich daran, wie sehr dies in der Anthroposophie fehlt, wie sehr man oft im eigenen Saft kocht, in der eigenen Sprache gefangen ist und elitär geistige Voraussetzungen beschwört, die man meist selbst gar nicht erfüllt. Deshalb kann ich verstehen, wenn Zander für die Anthroposophie einen Durchgang durch "historische Kontextualisierung" und einen Anschluss an die "gesellschaftliche Reflexionskultur" fordert. Er fordert damit nichts anderes, als was z.B. christliche und jüdische Theologen seit vielen Jahrzehnten betreiben, ebenso wie Religionswissenschaftler und Ethnologen, die sich etwa mit Mythologie oder Schamanismus beschäftigen. Vielleicht ist es einem Lehrstuhl für die Erforschung esoterischer Traditionen, den Zander möglicherweise einmal bekommen könnte, vorbehalten, solche interdisziplinäre Arbeit zu leisten und dann die Anthroposophie noch in ganz andere Kontexte "alternativen Denkens" zu stellen. Angesichts des heutigen Esoterik-Booms, der an Seichtigkeit kaum mehr zu überbieten ist, scheint es fast ein Skandal, dass bisher in Europa nur ganz wenige solcher Lehrstühle existieren (z.B. Antoine Faivre in Paris, Nicholas Goodrick-Clarke in Exeter, Wouter Hanegraaff in Amsterdam).

Ein interessanter Moment mit Zander ergab sich, als wir im Gespräch die Musik Bachs streiften, die er liebt und auch gelegentlich als Sänger in einem Chor praktiziert. Als ich ihn fragte, ob er dabei auch unentwegt an die historisch-kritische Kontextualisierung von Bach denke, zögerte er einen Moment und antwortete dann mit einem schmunzelnden Nein. Er fügte jedoch einschränkend hinzu, dass er gerade beim Singen auch "Angst vor Kontrollverlust" habe, d.h. davor, in der Hingabe an die Bachschen Klangbewegungen sein auf logisch-begriffliche Arbeit dressiertes Ich zurückstellen zu müssen. Daraufhin erzählte ich ihm von dem Dirigenten Günther Wand, der einmal von einem weiblichen Fan gefragt wurde, was sie gegen die immer wiederkehrenden Fallträume beim Hören seiner Bruckneraufnahmen tun solle. Lassen sie sich ruhig fallen, antwortete Günther Wand, bei Bruckner können sie immer nur nach oben fallen. In keinem Moment unseres Gespräches habe ich Zander mit einer so spontanen und starken emotionalen Reaktion erlebt wie nach dieser Anekdote. Das sei ja ein toller Satz, rief er begeistert und zeigte eine tiefe Freude über die darin versteckte Weisheit, von der er vielleicht selbst gerne noch mehr in sein Leben integrieren würde.

Was hiesse das in Bezug auf seine Beschäftigung mit der Anthroposophie? Ein Stück mehr Vertrauen in die Ernsthaftigkeit von Steiners lebenslangem Ringen um so etwas wie eine überzeitliche Wahrheit? Der Versuch, eine Zeit lang in dessen Bildern zu leben statt nur immer über deren Entstehungsbedingungen nachzudenken? Das Offenlassen der Option, ob Steiner nur Altes neu kompiliert oder wirklich Neues geschaffen hat? Ein stärkeres Nachdenken darüber, wie Neues überhaupt entsteht? Mehr Unabhängigkeit vom oft totalitären Geist einer "scientific community", die jede Abweichung von bestimmten Erkenntnismethoden mit Ausgrenzung bestraft? Vielleicht kehren bei einer Persönlichkeit wie Zander solche Dinge ein, wenn er einmal seine Professur für Esoterikforschung o.ä. besitzt. Dann wünschte man sich dort einen so vielseitig gebildeten und präzisen Denker wie ihn, der gleichwohl auch entspannt genug wäre, neben der herkömmlichen Rationalität auch noch offen gegenüber ganz anderen Bewegungen des Geistes zu sein.


Ein ca. einstündiges Interview mit Helmut Zander gibt es auf der Homepage des Schweizer Fernsehens zu sehen: differenziert, kritisch, aber auch durchaus wohlwollend gegenüber den anthroposophischen Praxisfeldern und Steiners Engagement im Kampf gegen eine reduktionistische Weltsicht.