ABENTEUER ANTHROPOSOPHIE Filmrezensionen (PDF)
Alexandra Stäheli in Neue Züricher Zeitung 5.4.08
Rudolf Steiners Erbe

Unter seinen Anhängern wiegt jedes seiner Worte bares Gold, werden seine Visionen und Gedanken wie Oblaten des Wissens von Mund zu Mund verteilt: Auch 83 Jahre nach seinem Tod wird Rudolf Steiner noch immer wie ein aus heiligem Versteck wirkender Guru verehrt, und es ist gerade dieser manchmal buchstäblich steinerne Personenkult, der Skeptiker am Erbe des Esoterikers, an sämtlichen Aspekten und Teilgebieten der Anthroposophie zweifeln lässt. Doch kann man die oft widersprüchliche, widerborstige Persönlichkeit Steiners wirklich eins zu eins mit seinem Werk identifizieren? Inwiefern ist es seinen Lehren gelungen, sich in einzelnen Wissenszweigen wie etwa der Pädagogik, der Medizin oder auch der Ökonomie unabhängig von ihrem Urheber weiterzuentwickeln? Der deutsche Dokumentarfilmer Rüdiger Sünner, der mit seinen Arbeiten ein Flair für spirituelle Themen beweist – selbst aber, wie er betont, keiner esoterischen Bewegung angehört –, macht sich in «Abenteuer Anthroposophie» daran, das Werk Steiners auf Zusammenhänge und Widersprüchlichkeiten in dessen Leben hin abzuklopfen. So verfolgt Sünner in einem biografischen Abriss Steiners Denken zurück bis in seine möglichen Wurzeln im österreichischen Volksglauben; er präsentiert das Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts als Nährboden für Steiners Ambivalenz zwischen Glaube und Wissenschaft – und zeichnet etwas ratlos die Genese von dessen ziemlich bizarrer, zeitweise auch antisemitischer Rassen- und Trieblehre nach. Dabei entsteht, unterstützt von den Statements allerlei kritischer wie auch anthroposophischer Wissenschafter, ein vielschichtiges Bild des Gnostikers und seiner Lehre, die heute weltweit zwischen Namibia und Dornach in ganz unterschiedlichen Formen weiterlebt. Das Zusatzmaterial ist nicht gerade üppig, es liefert einzig Informationen über den Filmemacher.

 

Gisela Eberhardt in Die Tageszeitung 18.10.08
Mann mit Visionen

Der Dalai Lama hat's gut. Irgendwie mögen ihn die Deutschen einfach und selbst Leute, die sich überhaupt nicht für die buddhistische Lehre interessieren, haben eine positive Vorstellung von seiner Religion. "Dabei hat der Buddhismus durchaus tief dunkle und okkulte und auch frauenverachtende Seiten", weiß Rüdiger Sünner. Der Berliner Filmemacher kennt sich aus mit spirituellen Themen. Mythische Orte in Europa hat er ebenso ins Bild gesetzt wie die Esoterik der Frühromantiker. Selbst praktizierte er jahrelang Zen-Buddhismus. Pünktlich zum Streit um das Schwarzbuch zur Waldorfpädagogik von Michael Grandt erscheint mit Sünners Film nun eine Anthroposophie-Dokumentation ganz anderer Art.
"Abenteuer Anthroposophie" schildert zunächst chronologisch die Kindheit und Jugend Rudolf Steiners. Schon mit sieben Jahren soll er erste übersinnliche Visionen gehabt haben, er räsonierte früh über die Schönheit der Natur und suchte als Jugendlicher in der Geometrie und in den Schriften Kants Zugang zu einer rein geistigen Welt. Im Studium leidet Steiner unter dem "wissenschaftlichen Materialismus" des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Er beginnt Wege zu erkunden zu einem eigenen Verständnis der Welt. Der Film verfolgt, welche Personen und Werke Einfluss auf die Entwicklung von Steiners anthroposophischer Lehre haben und fragt, wer Steiner war - und wer er heute ist.
Rüdiger Sünner ist kein Anthroposoph und deshalb ist sein Film auch keine Insider-Dokumentation. Zu Beginn sieht man Sünner im Zug auf dem Weg zu einer seiner Recherchen. Er habe nicht von oben herab dozieren wollen, sondern lade seine Zuschauer ganz einfach ein auf eine Fahrt zu Steiners Geburtsort. Der direkte Weg tut dem Film gut. Neben den Orten wird auch das historische Material anschaulich gemacht. Wo sie existieren, werden Originalbilder eingeblendet, Fotos des jungen Steiner, seiner Eltern, Fotos vom ersten Goetheanum und dessen Zerstörung. Auch sonst findet Sünner eine treffende optische Ausdrucksweise, wenn er etwa die Zitate Steiners über das untergegangene Atlantis oder Auszüge aus seiner umstrittenen "Menschenkunde" geradezu "hineinfilmt" in trübes Gewässer.
Aus seiner Faszination für die Anthroposophie macht der Regisseur bei aller Distanz aber keinen Hehl. So hält er, was viele heute als Teil eines weltanschaulichen Eklektizismus betrachten, für eine klare Errungenschaft Rudolf Steiners: Dass er nämlich "das östliche und das westliche Erbe der Spiritualität miteinander verbunden" und Aufklärung und Wissenschaft zusammengeführt hat mit Meditation.
Kürzlich hat sich der Regisseur ein herkömmliches Schulbuch zur Ökologie angeschaut, voller Formeln, Diagramme und trockener Wissenschaftssprache. Die Botschaft des Buches schien zu lauten, "dass wir die Natur schützen müssen, damit wir was haben, worin wir spazieren gehen können". Die Methoden der Waldorfpädagogik stehen für Sünner dazu in einem wohltuenden Kontrast. Auch hier ist es wieder die sinnliche Erfahrung, aus der die Schüler lernen, die ihn begeistert. Wer den Gang ins Watt oder in den Wald unternimmt, akkumuliert nicht einfach Wissen über die Natur als dingliche Welt. Er erlebt hingegen ihr Inneres.
Dem Biologieunterricht, den Sünner in Waldorfschulen verfolgt hat, haftete aber deshalb nichts Irrationales an. Doch die gelernten Fakten, da ist er überzeugt, können die anthroposophischen Schüler mit dem "Bodensatz von dieser Erfahrungswelt" ganz anders aufnehmen. Auf der anderen Seite erschwert ihm die Widersprüchlichkeit in Steiners Werk oft dessen Deutung. "Jetzt les ich dies, jetzt les ich das", sagt Rüdiger Sünner und schaut zur Verdeutlichung erst in seine linke und dann in seine rechte Handinnenfläche.
So beinhalten die Schriften des ersten Anthroposophen scheinbar kompromisslose Aussagen darüber, dass sich jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft über seinen individuellen Kern definiere, an anderer Stelle sei man dann aber mit Steiners "esoterisch geschauter Rassenideologie" konfrontiert. Es gibt Anthroposophen, die werfen ihm vor, er habe Steiners Werk nicht verstanden. Denn was den Regisseur und Musiker besonders fasziniert, ist die anthroposophische Idee von der sinnlichen Erfahrung. "Als Filmemacher zum Beispiel habe ich ein Faible für Bilder und Steiner arbeitet viel mit Bildern." Doch für Steiner ist das Bild selbst nur eine Vorstufe. Sie soll den Menschen zur obersten Stufe führen, dem sinnlichkeitsfreien Denken. Seine Anhänger führt ein langwieriger "Schulungsweg" der Meditation zu höheren Einsichten.
Sünner kann damit wenig anfangen. "Übersinnliche Erkenntnis ist mir versagt", sagt er über seine eigenen spirituellen Erfahrungen. Doch das Interesse bleibt: Derzeit konzipiert der Filmemacher ein neues Projekt, das die Verbindung von Naturwissenschaft und Spiritualität untersuchen soll. Vielleicht wird man bei dieser Gelegenheit ja Rudolf Steiner und den Dalai Lama zusammen auf der Leinwand sehen.


 


Marcus Stiglegger
in IKONEN (Magazin für Kunst, Kultur und Lebensart), Dezember 2008

Rüdiger Sünner hat sich in den letzten zehn Jahren als Dokumentarist zu einem Spezialisten in Sachen Spiritualität und Grenzwissenschaften entwickelt.

Nach ebenso konzentrierten wie informativen filmischen Essays über die deutsche Romantik und den Naziokkultismus hat er sich der umstrittenen Persönlichkeit Rudolf Steiners (1861-1925) und dessen Wirkung angenommen. Wie alle jüngeren Werke Sünners, die nicht mehr den Mechanismen des Fernsehens verpflichtet sind, ist dieser Interview-orientierte Film langsam und bedacht. Und zugleich sehr didaktisch. Andererseits entfaltet er die umfassenden Aspekte des Themas überzeugend in 110 Minuten und bietet so einen willkommenen Einblick in die spirituell motivierte Welt Rudolf Steiners, die heute vermutlich mehr denn je Aktualität erfährt.

  Jens Heisterkamp in info3 Februar 2008
Einen richtigen Film über Rudolf Steiner und die Anthroposophie gab es bisher nicht. Das ist schade, denn über Anthroposophie wird derzeit viel diskutiert und der Film stellt ein wichtiges Medium dar, um sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen.

Deshalb scheint es ein Glücksfall für die anthroposophische Szene, dass der unabhängige Berliner Filmemacher Rüdiger Sünner, der bereits mit Filmen über Paul Klee, Dag Hammarskjöld und die deutsche Romantik hervorgetreten ist, sich nun der Anthroposophie angenommen hat. Zeigt Sünner dabei einerseits eine Affinität zu kulturell anspruchsvollen Themen, so bewahrt er als professioneller Filmemacher doch andererseits eine gesunde Distanz zu seinem Stoff um dem Verdacht zu entgehen, hier einen reinen Werbefilm produziert und kritische Aspekte „ausgeblendet“ zu haben – zumal Sünner als Experte zum Thema Missbrauch von Esoterik im Nationalsozialismus eine anerkannte Autorität darstellt.

Sünner begibt sich in seinem Werk zunächst mit der Eisenbahn an die Schauplätze des Kindes Rudolf Steiner in Österreich. Er inszeniert frühe spirituelle Erlebnisse Steiners auf den Bahnhöfen, wo sein Vater Dienst tat und macht Einflüsse regionaler Geistigkeit aus. In den Wäldern Österreichs spürt Sünner mit bezaubernden Bildern dem Sinn Steiners für eine spirituelle Natursicht nach, deren Entfaltung ihn später zu seiner Beschäftigung mit Goethes Naturwissenschaft in Weimar führte. Immer wieder überrascht der Film mit kreativen Verbildlichungen der intimen Innerlichkeit Steiners, so etwa, wenn im Hintergrund die Verwandlungen geometrischer Figuren zu sehen ist und die Affinität des Steiner’schen Geistes für die nicht mehr sinnlich fassbare Welt des rein Geistigen spürbar wird.

Aber auch umstrittene Seiten Steiners werden angesprochen: es wird nach antisemitischen Tendenzen in der frühen Wiener Zeit gefragt, und während im Hintergrund vergilbte ethnographische Fotografien zu sehen sind, liest ein Sprecher quälend lange Beschreibungen Steiners von Indianern und Schwarzen vor. Fast erleichternd spricht anschließend der Historiker Helmut Zander von der nötigen historischen Kontextualisierung dieser Stellen und ein junger Waldorflehrer gesteht sein eigenes Befremden angesichts von Steiners Semantik zu Rassenfragen ein.

Hier wie an vielen anderen Stellen wechselt der Film sorgfältig zwischen einfühlsamer Präsentation, wenn etwa später die Kamera langsam einem entstehenden Wasserfarbbild von Waldorfschülern folgt, und nüchterner Kommentierung. Diese reklamiert Sünner wohltuenderweise nicht für sich selbst, sondern überträgt sie einem breiten Spektrum kompetenter Gesprächspartner mit sehr vielschichtigen Positionen: da kommt der Waldorflehrer neben dem Pädagogikprofessor zu Wort, ein Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft neben Otto Schily, ein Arzt neben Drogeriemarkt-Gründer Götz Werner.

Begann der Film in der Idylle eines geschichtlich fernen Österreichs, nimmt er im letzten Drittel die Weite der Gegenwart in den Focus: ausführlich folgt die Kamera dem bunten Leben einer Waldorfschule in Namibia und besucht die inzwischen weithin bekannte Sekem-Oase in Ägypten. Mit eindrucksvollen Bildern aus dem nicht-europäischem Kulturkreis dokumentiert der Film so, wie die Impulse Rudolf Steiners heute alle Grenzen überwinden. „Abenteuer Anthroposophie“ ist ein Film, der auf ästhetisch anspruchsvolle Weise die nicht leicht zu popularisierende Welt Rudolf Steiners und seiner Wirkungen aufschließt und auf beste Weise einen Einstieg in konstruktive Gespräche bietet.


 

Gerhard Wehr in GNOSTIKA-Zeitschrift für Esoterik und Wissenschaft
Mit dem Anspruch, „das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall“ führen zu wollen, trat die Anthroposophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Plan.

Erfahrungsgemäß hält sich die Zahl derer, die willens und in der Lage sind, sich einer derartigen Aufgabe zu stellen, indem sie den anthroposophischen Erkenntnisweg übend gehen, in engen Grenzen. Dagegen finden die Arbeitsergebnisse, die unter dieser Zielsetzung ins Werk gesetzt wurden, in der Öffentlichkeit große Beachtung, insbesondere weil es sich um die großen Themen Gesundheit, Ernährung und Erziehung sowie um gesellschaftliche und künstlerische Aktivitäten handelt. Aber geht es an, nur die Früchte eines Baumes zu pflücken, ohne sich um Ursprung und Wesensart des Baumes zu kümmern, an dem sie gewachsen sind?

Aus der Einsicht heraus, dass so verstandene Erkenntnis und deren praktische Umsetzung zusammengehören, schuf der durch zahlreiche Arbeiten und Veröffentlichungen als Kenner spiritueller Traditionen aus Gegenwart und Geschichte reichlich ausgewiesene Berliner Filmemacher Rüdiger Sünner eine Dokumentation, die im Vollsinn des Wortes für alle diejenigen ein Abenteuer darstellt, die in einer mitvollziehbaren Weise erste Schritte zu einer Begegnung mit der Anthroposophie in ihrer heutigen Wirksamkeit machen wollen. Und nicht wenige der bereits mit Anthroposophie einigermaßen Vertrauten werden den nach Gehalt und Gestalt gelungenen Streifen als eine anregende Wiederbegegnung begrüßen. Entstanden ist eine filmische Dokumentation, die in 110 Minuten Anthroposophie in Theorie und als praktische Umsetzung des auf einem Erkenntnisweg Errungenen ins Bild setzt.

Was die erwähnten gedanklichen Grundlagen betrifft, so geht die Darstellung zunächst den Lebensspuren Rudolf Steiners nach. Sie reichen von der niederösterreichischen Heimat über die vorwiegend naturwissenschaften Studien und erste erzieherische Tätigkeit in Wien, über Weimar und Berlin bis zum heutigen Zentrum der Anthroposophie in Dornach bei Basel.
Umgeben von einer anmutigen, zugleich als geheimnisvoll empfundenen Landschaft wird der Heranwachsende früh mit zwei einander konträren Lebenstatsachen vertraut: mit der zeitgenössischen modernen Technik und mit einem übersinnlichen Erlebnis, beide an einem der kleinen Bahnhöfe der österreichischen Südbahn wahrgenommen. Damit ist das Erkenntnisproblem aufgerufen, die bohrende Frage nach der Wirklichkeit in ihrer vordergründigen aber auch hintergründigen Dimension. Während die Naturwissenschaften am Ausgang des 19. Jahrhunderts nur eine materialistische Deutungsvariante anzubieten haben und die Kantsche Philosophie von dem Studierenden als unbefriedigend empfunden wird, bedeutet Goethe, insbesondere der naturwissenschaftlich forschende, der anschauende Denker von Weimar, einen ersten Zugang zu einer Erfassung alles dessen, was sich entwickelt. Kurz nach der Jahrhundertwende tritt die ganz anders geartete anglo-indische Theosophie von Helena Petrovna Blavatsky in Steiners Sichtbereich. In diesem Rahmen, jedoch mit einem neuen, der christlich-abendländischen Tradition verpflichteten Ansatz, entsteht die Anthroposophie, schließlich deren Ausgestaltung mit einer Fülle kulturell impulsierender Wirksamkeiten.

Ist es da ein Wunder, dass Rudolf Steiner im Film als eine der großen Rätselfiguren der europäischen Geistesgeschichte vorgestellt wird, der seinerseits allerlei Fragen aufwirft? Einerseits überrascht die universelle, die Ganzheit des Wirklichen umspannende Lebensleistung des ungemein vielseitigen Ideengebers und Pädagogen. Andererseits gibt es da wie dort als fremd, ja als bizzar empfundene Elemente in den Lehrmitteilungen Steiners. Rüdiger Sünner verdrängt derartige, immerhin gelegentlich zu beobachtende Eindrücke nicht. Seine Interviewpartner und –partnerinnen bringen dies unter Würdigung des in der Hauptsache Anerkennenswerten unverblümt zur Sprache. Man erinnert sich der kontextuellen Kritik, die der Historiker und Theologe Helmut Zander jüngst als unumgänglich vorgeschlagen hat, um unnötigen Ballast abzuwerfen. Gemeint ist die Notwendigkeit, einen Autor, so auch Rudolf Steiner, im Rahmen der in seiner Zeit üblichen allgemein vertretenen Vorstellungen zu betrachten, beispielsweise Äußerungen über rassistisch deutbare Wendungen, die heute befremdend anmuten. Bei weitem aufgewogen werden solche Stellen im umfangreichen Steinerschen Schrifttum und Vortragswerk durch das anthroposophische Welt- und Menschenbild, schließlich durch dessen Umsetzung im gelebten Leben. Das geschieht dank der Tatsache, dass Anthroposophie gerade nicht auf nationalistische Parolen setzt, sondern Eigenwert und Würde eines jeden Menschen begründet, und zwar unabhängig von dessen rassischer, kultureller oder religiöser Zugehörigkeit. Konkretisiert ist dies längst auch durch weltweite Aktivitäten, insbesondere auf dem pädagogischen Feld. Rüdiger Sünner führt solche in Südafrika, in Namibia und Ägypten in anschaulicher Schilderung vor Augen (...)

Rüdiger Sünner liefert keinen lediglich an äußeren Fakten orientierten Film ab. An die Stelle nur belehrender Information oder gar werbender Parteinahme tritt eine durch alle Sequenzen hindurchgehende künstlerisch belebte Darstellung. Von idealisierenden Lobhudeleien enthusiasmierter Anhänger bleibt man glücklicherweise verschont. Dagegen verleiht eine poetische Note in Präsentation, Bildführung und unterlegter Musik dem Werk einen besonderen Reiz. Es hat Stil. Das „Abenteuer Anthroposophie“ lässt sich – so oder so - als Einladung zu unvoreingenommener Prüfung begreifen, wobei die Legitimität kritischer Vorbehalte als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt bleibt. Man wird darüber zu sprechen haben.

  Michael Mentzel in Themen der Zeit
Was ist Anthroposophie - wie und wo ist die Wirkung Rudolf Steiners heute sichtbar? Dieser Frage nähert sich Rüdiger Sünner, Autor und Filmemacher (Schwarze Sonne) mit seinem Film über Rudolf Steiner (...) Abenteuer Anthroposophie ist ein positiver Film.
Mit ruhigem Atem wird die Entwicklung einer Idee nachgezeichnet, die in Niederösterreich beginnt, über Wien, Weimar, Berlin und Dornach führt, und schließlich sehr eindrucksvoll sichtbar wird in der Sekem-Initiative in Ägypten. Ein positiver Film gerade auch deshalb, weil er die Kritik an Steiner nicht auslässt, mehr noch, weil er auch die erklärten Kritiker zu Wort kommen lässt. Da wirkt nichts aufgesetzt und konstruiert. Dazwischen wirklich schöne Aufnahmen des Kameramannes Sünner, der gleichzeitig der Autor und einer der Sprecher des Films ist. Es sind schöne Bilder, die mir wieder in den Sinn kommen, wenn ich dem Statement der Biologielehrerin zuhöre, die ihren Schülern ganz bewusst neben den Phänomenen der Natur eine schöne Welt zeigen will, weil: "der Schlüssel darin liegt, dass ich Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben muss, eine schöne, eine heile Natur zu erleben, sonst können sie doch gar kein Gefühl dafür entwickeln, sie verbinden sich doch nicht emotional mit irgend so einer krepeligen Topfpflanze, die auf irgendeiner Kreuzung steht und da rummickert." Die Fragen, die sich aus der praktischen Anschauung der Dinge ergeben, auch und gerade die kritischen Fragen an die Welt, so die Waldorfpädagogin, werden dann von den Schülern aus sich heraus eigenständig formuliert. Wenn so etwas gelingt, ist es wohl nicht nur für sie für sie ein echtes Erfolgserlebnis.

Besonders interessant wird der Film immer da, wo praktische Beispiele deutlich machen, in welcher Weise Erkenntnisse der Anthroposophie in die praktische Arbeit einfließen, ohne einem Lehranspruch oder vorformulierten Anweisungen folgen zu müssen.
Über das Ewige des Bewusstseins im Hinblick auf Wiederverkörperung ein sehr aufschlussreiches Statement des Arnheimer Kardiologen Pim van Lommel, der sich seit langem mit der Frage von Nahtoderlebnissen auseinandersetzt. Er beendet seinen Beitrag: "Ich kann so ein Konzept (wiederkehrender Erdenleben) unterstützen, aber ich bin nicht sicher." Manchem Anthroposophen möchte man diesen Mut und so einen freien Umgang mit der "Unsicherheit" wünschen.

Der Film Abenteuer Anthroposophie ist ein Film von Erwachsenen für Erwachsene. Durchgehend unaufgeregt, mit stimmigen Bildern widmet er sich den anthroposophischen Arbeitsfeldern Ökologie, Medizin, Wirtschaft und Pädagogik, ohne je langweilig zu werden, er lässt auch den Schattenseiten ihren Raum, ohne den Versuch zu machen, sie g
esondert zu kommentieren und er zeigt ein Bild der Anthroposophie, wie es heute wohl von den meisten Menschen wahrgenommen wird, sei es im Bioladen, beim Arzt, in einer anthroposophischen Klinik oder in der Waldorfschule. Wäre es noch gelungen, die an einigen - wenigen - Stellen trotz aller Ästhetik ein wenig statisch erscheinenden Bilder mit Menschen zu beleben und die Tonmischung ebenfalls an einigen wenigen Stellen etwas behutsamer durchzuführen, wäre es - für mich - fast perfekt.

Dieser Film kann sicher dazu anregen, sich eingehender mit der Anthroposophie und dem Leben des Menschen Rudolf Steiner zu beschäftigen. Gerade vor dem Hintergrund der zur Zeit stattfindenden Diskussion um das Werk Steiners ist ihm eine breite und interessierte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu wünschen. Heute, am Sonntag (2.3.08), hatte der Film in Berlin Premiere. Meine Rezensionskopie habe ich um 11:00 Uhr in meinen DVD-Spieler eingelegt und ohne Unterbrechung gemeinsam mit den anderen, "echten" Premierengästen gesehen. Ich hoffe, dass es recht viele waren, die den Weg in die Hackeschen Höfe gefunden haben.

 

  Ika Schier in "Das Goetheanum"
Am Sonntag, den 2. März 2008 fand in Berlin die Premiere des neuen Films von Rüdiger Sünner ‚Abenteuer Anthroposophie' vor 280 überwiegend begeisterten Zuschauern statt.

Der Andrang war groß, Sonntagmorgen um 11 Uhr im Kino in den Hackeschen Höfen in Berlin-Mitte, der Kinosaal, der 300 Plätze umfasste, nahezu restlos gefüllt. Eineinhalb Jahre hatte Rüdiger Sünner, Jahrgang 1953 und freier Filmemacher seit 1992, an der Herstellung des Films gearbeitet. Fernsehredaktionen hatten eine Finanzierung des Films abgelehnt. Da sprang die Pädagogische Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen nach einer Anfrage Sünners ein. „Hansjörg Hofrichter, der Geschäftsführer der Forschungsstelle, hat den vielen anthroposophischen Berufen einen neuen hinzugefügt: den des Filmproduzenten,“ witzelte Rüdiger Sünner bei der Premiere. Produziert wurde eine DVD von 110 Minuten Länge, die durch den Filmverlag Absolut Medien und über Waldorfbuch, der Website für Publikationen der Forschungsstelle, vertrieben wird. Die DVD ist so herausgegeben, dass auch englische Untertitel eingeblendet werden können, sie kann so auch Verbreitung im Ausland finden.

Film ist ein Zeitmedium. Mit fast zwei Stunden ist dieser Film für einen Dokumentarfilm außergewöhnlich lang. Rüdiger Sünner berichtete, er hätte auch Material für vier Stunden gehabt, konnte aber eine solche Länge natürlich niemandem zumuten. Es ist klar, dass Vollständigkeit beim Thema Rudolf Steiner nicht erwartet werden kann. Und dennoch verblüfft der Film durch große Vielfalt und Vielseitigkeit. Am Anfang eine Bahnfahrt durch die Landschaft, in der Rudolf Steiner seine Kindheit und Jugend verbrachte. Der Reisende im Zug, der nachdenklich aus dem Fenster blickt, ist der Filmautor. Aus dem Off lässt er uns wissen, dass er Rudolf Steiner viele Anregungen verdankt, bei ihm aber auch viel Unverständliches, ja Bizarres gefunden habe. Wer war er, fragt sich Sünner, ein genialer Ideengeber oder ein dubioser Esoteriker?

Auf Rüdiger Sünners sehr persönlicher ‚Landkarte‘ für eine Reise in die Welt der Anthroposophie hat er insgesamt 13 Stationen eingetragen. Sie lassen sich auf der DVD zu Hause auch einzeln anwählen. Aufnahmen von der Landschaft der Kindheit und Jugend Rudolf Steiners in Niederösterreich und von seinem Studienort Wien folgen Eindrücke aus Weimar, wo Steiner viele Jahre im Goethe- und Schillerarchiv arbeitete. Der promovierte Musikwissenschaftler und Autorenfilmer Rüdiger Sünner begibt sich aber vor allem auf eine Reise in die Wirkungsgeschichte Rudolf Steiners: von der Theosophie über Reinkarnation und Karma zum Goetheanum, von dort zur spirituellen Naturforschung, zum Wirtschaftsprinzip Brüderlichkeit und zur anthroposophischen Medizin. Großen Raum nehmen die Aufnahmen zur Waldorfpädagogik in Deutschland und in Afrika ein. Den bildschönen Schluss der Reise setzt die Sekemfarm in Ägypten, das vorerst jüngste anthroposophische Projekt. Zahlreiche Interviewpartner, u.a. Götz Werner, Otto Schily, Helmut Zander, Ibrahim Abouleish, äußern sich zu Reinkarnation, Naturforschung, Wirtschaft, anthroposophischer Medizin und Waldorfpädagogik.

Rüdiger Sünner hatte noch nie Angst vor großen Themen. Er hat die deutsche Frühromantik und den deutschen Idealismus in seinem Film ‚Geheimes Deutschland‘ bearbeitet, er hat die schillernde Figur Dag Hammarskjölds dargestellt, er hat sich an das Thema Okkultismus und Faschismus herangewagt (‚Schwarze Sonne‘). Seine Filme sind oft als Themenreisen angelegt. So auch der Film ‚Abenteuer Anthroposophie‘. In künstlerischer Freiheit montiert der erfahrene Dokumentarfilmer eigene Texte mit Zitaten (Sprecher der Texte Rudolf Steiners ist der bekannte Fernsehsprecher Hans-Peter Bögel, der seit 1975 für Rundfunk und Fernsehen und als Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart tätig ist). Interviewpassagen und Off-Stimmen werden mit sorgfältig komponierten, farbintensiven Bildern verbunden, die mal illustrierend-komplementär, mal kontradiktisch eingesetzt werden. Mit Musik lädt Sünner eine Passage oder ein Bild zusätzlich faktisch oder symbolisch auf. Das wirkt manchmal überladen, z.B. wenn Rudolf Steiners Aussagen über die Wälder und Berge seiner Kindheit mit wagnerianisch anmutenden Klängen unterlegt werden, doch beherrscht Rüdiger Sünner seine filmischen Mittel aus Bild und Ton überwiegend souverän, hat sogar seine eigene Handschrift gefunden.

Den Film habe er in erster Linie für Nicht-Anthroposophen gemacht, sagte Sünner bei der Berliner Premiere. Für Anthropos
ophen mag er an manchen Stellen sogar schmerzhaft sein, z.B. wenn Kritisches nicht ausgespart wird oder ein Grundlagenwerk wie ‚Die Philosophie der Freiheit‘ nicht einmal angesprochen wird, dagegen Passagen aus den eher marginalen Veröffentlichungen, die zur Rassismusdebatte beigetragen haben, lang zitiert werden.

Sünners Verdienst ist es, komplex und ästhetisch dem interessierten Zuschauer ein kaleidoskopartiges Bild von Rudolf Steiners Wirken zu bieten, das dann individuell vertieft werden kann.


  Christoph Kühn in "A Goy's World"
Am vergangenen Sonntagvormittag (2.3.08) hatte der neue Film von Rüdiger Sünner "Abenteuer Anthroposophie" in den Hackeschen Höfen Premiere. Der ca. 300 Plätze umfassende Saal 1 war gut gefüllt, nur wenige Plätze blieben noch frei als der Regisseur mit einer kurzen Einführung die Film-Matinee eröffnete.

Der Film richte sich, so Rüdiger Sünner, zwar vor allem an ein nicht-anthroposophisches Publikum, er enthalte aber auch Aspekte, die für Anthroposophen neue Perspektiven eröffnen könnten. In der Tat ist ein Film über Rudolf Steiner, der in professioneller Machart daherkommt, ein Novum in der Anthrosphäre. Ich sage in der Anthrosphäre, weil die Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen in Stuttgart der Hauptsponsor des Films ist.
Umso mehr ist es bemerkenswert, dass der Film auch Kritik anbringt, etwa indem der Anthroposophie-Forscher Helmut Zander von der HU Berlin zu Wort kommt und vor allem auch insofern als die neuerlichen Rassismus-Vorwürfe gegen Rudolf Steiner aufgegriffen und problematisiert werden. Die einschlägigen Passagen aus der Steiner Gesamtausgabe werden zwar historisch und esoterisch-evolutionistisch kontextualisiert, es wird damit jedoch keine bewusste Relativierung derselben unternommen. Sie bleiben im Film in ihrer erschreckend unreflektierten rassistischen Wortwahl stehen. Ansonsten handelt der Film vor allem von den Praxisfeldern der Anthroposophie, die mit treffenden Bildern und pointierten Interviewausschnitten dargestellt werden.

Meine Kritik: Die Filmmusik fand ich ein bisschen zu laut, nicht immer passend ausgewählt und oft zu pathetisch; der zweite Sprecher (neben Rüdiger Sünner selbst) hat mir oft zu undeutlich gesprochen; manchmal wirkte der Film ein wenig statisch. Vor allem aber wird in dem Film nicht über Rudolf Steiners Hauptwerk "Die Philosophie der Freiheit" gesprochen. Und das finde ich doch sehr erstaunlich. "Ein ausführliches Porträt des vielseitigsten und vielleicht umstrittensten spirituellen Denkers des 20. Jahrhunderts" sei - laut Klappentext - der vorliegende Film. Wie das "Denken dieses Mannes" ausgesehen habe, fragt der Klappentext weiter und suggeriert damit auch eine Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner als Philosoph. Wie aber sollte das zu gewährleisten sein, wenn die Philosophie der Freiheit im Film praktisch gar nicht vorkommt?

Es ist ein schöner Film mit oft sehr interessanten Gesprächspartnern geworden, keine Frage. Aber: Eine Anthroposophie ohne die Hauptwerke Rudolf Steiners, zu denen u. a. auch "Das Christentum als mystische Tatsache" zu zählen wäre, wirkt auf mich nur noch wie ein halbes Abenteuer. Vielleicht sind diese Texte aber auch gar nicht (mehr) von großem Interesse unter den in anthroposophischen Praxisfeldern Tätigen und vielleicht hat Rüdiger Sünner somit ja den Nerv der Zeit getroffen, ist sein Film ein Spiegel der Anthrosphäre 2008.


 

Mike Kauschke in "What is enlightenment"
Die meisten von uns kennen Demeter-Gemüse, Waldorf-Pädagogik oder Weleda-Medizin. Aber was hinter diesen und den vielen anderen praktischen Anwendungen der Anthroposophie steckt, ist vielen ein Geheimnis.

Mit Rüdiger Sünners neuem Film Abenteuer Anthroposophie können Sie das ändern – und machen Sie sich auf anspruchsvolle zwei Stunden gefasst. Im ersten Teil nimmt Sie der Film mit in die turbulenten 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, wo Steiner an der Spitze der damaligen Kultur ein abenteuerliches Leben führte, das nur einem gewidmet war: Der Suche nach Erkenntnis. Was er dabei fand, inspiriert heute noch Menschen in aller Welt. Und während man dem Film vom majestetischen Goetheanum über die Sekem-Farm in Ägypten durch die heutigen Ausdrucksformen von Steiners Philosophie folgt, ist es inspirierend zu sehen, was für eine große Bewegung in der Suche eines einzelnen Menschen begann.

  Martin Frischknecht in SPUREN-Magazin für neues Bewusstsein
Rüdiger Sünner hat es sich zur Aufgabe gemacht, Rudolf Steiners Lebensgeschichte und die vielfältige Wirklichkeit der Anthroposophie heute in einem einzigen, langen Film darzustellen. Diese Aufgabe hat der erfahrene deutsche Dokumentarfilmer hervorragend gemeistert. Abenteuer Anthroposophie führt mit starken Bildern zuverlässig ein in die zentralen Themen dieser bedeutenden Geistesströmung.
Obwohl der Film finanziert wurde durch den Bund der deutschen Waldorfschulen, geht er einem Thema nicht aus dem Weg, das die Gemüter immer wieder erhitzt: Rudolf Steiners problematische Äusserungen über Rassen und deren angebliche Bestimmung. Auch Helmut Zander kommt in diesem Zusammenhang zu Wort, und er legt den Finger auf den wunden Punkt: Wenn Anthroposophen heute einräumen, dass Steiner sich in der Sache irrte, dann werden über kürz oder lang unter ihnen auch andere Aussagen des Gründers zur Disposition stehen.
Dessen Nimbus als Verkünder unanfechtbarer geistiger Wahrheit geriete damit ins Wanken. Die im Film zu Wort kommenden Lehrer wird das kaum bekümmern, ganz bestimmt nicht jene, die eine Waldorfschule in Windhoek, Namibia, leiten. Die Mehrheit der Schüler dort gehört jener Rasse an, über die Steiner seinerzeit wenig Vorteilhaftes zu sagen hatte. Die Waldorf-Pädagogik hat sich offensichtlich längst über diesen Schatten hinweggesetzt. Die Menschlichkeit, Hingabe und wache Präsenz dieser Lehrerinnen und Lehrer berührt. Das stimmt zuversichtlich, wohin auch immer das Abenteuer Anthroposophie noch führen wird.

  Manfred Kannenberg in "Der Europäer"

Wiener Walzer
Regisseur Rüdiger Sünner lud am Sonntag ,den 2.März 08 in die Hackeschen Höfe in Berlin-Mitte zum „Abenteuer Anthroposophie“, eine zweistündige Präsentation eines Videofilmes, an dem er ca 1 Jahr gedreht hat. Und viele kamen: Neugierige, Besorgte, Beseelte, Aktive, Sympathisanten, Skeptiker: Rudolf Steiner als Film! ....
Die Anthroposophen gibt es nicht, die Anthroposophie sehr wohl, sagte Sünner dem Publikum in seiner Begrüßung. Und dann fährt er mit ihm los, zunächst per Eisenbahn zum Geburtsort Steiners, zu verschiedenen Bahnstationen seines Vaters, in die Wälder zum Kräutersammler Felix, schließlich nach Wien an die technische Hochschule. Im Hintergrundston ab und zu Texte aus „Mein Lebensgang“. Das geistige Wien, wie soll man‘s heute filmisch erfassen? Kein Wort von den Lehrern K.J. Schröer, kein Wort von dem Dialog mit Rosa Mayreder oder Friedrich Eckstein, Fritz Lemmermayer usw.Stattdessen fünf Minuten Fotobilder der Wiener Hofburg und anderer Wiener Gebäude und im Hintergrundston ein kompletter Wiener Walzer.
Dann nach Weimar: Goethehaus, Belvedere, Edition der Goethe-Werke. Eine gewisse Vorliebe Steiners für die Deutschen Schiller und Goethe… Kein Wort von Steiners Ringen, von Nietzsche, Stirner, Fichte, Hegel… Vor allem kein Wort über die “Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller“ (1886, in der der Autor erstmals seine Geistesanschauung aus der Goetheschen enwickelt), oder von „Wahrheit und Wissenschaft – Vorspiel zu einer Philosophie der Freiheit“ (1893)! Und das Schlüsselwerk Steiners „Die Philosophie der Freiheit“ (der Gemeinde freier Geister gewidmet) kommt überhaupt nicht vor. Wäre hier nicht ein vermutetes Abenteuer zu finden?
Spätestens jetzt muß der Zuschauer es aufgeben, aus der zunächst begonnenen Nachzeichnung der geistigen Biographie Steiners in ein „Abenteuer Anthroposophie“ mitgenommen zu werden.- Dann der Schauplatz Berlin, in Steiners Leben immerhin die Zeit von 1897 bis 1923, und wie bringt Sünner ihn ins Bild: Magazin für Literatur? Durch Steiners permanente Dialog mit Literarisch-philosophisch-politischen Szene? Sein Wirken an der Arbeiterbildungsschule Liebknechts? Freie Hochschule, Architektenhaus-Vorträge, erster öffentliche Vorträge, Gründung von Lucifer-Gnosis, oder die Verfassung wesentlicher Grundschriften? Lebensbegegnung mit Christian Morgenstern und Ernst Haeckel? Dreigliederungsbewegung, Memoranden in Ersten Weltkrieg? Lerchenfeld, Kühlmann, Max von Baden, Molt, Unger, Polzer-Hoditz? Nie gehört. Wie bringt Sünner Berlin? Als Gesicht von Helena Petrowna Blavatsky, der Einfluß ihrer Geheimlehre auf Steiners “Aus der Akasha-Chronik“ und die fatalen Folgen dieser Geschichte von Atlantis und von unseren Vorfahren! „Da hat die Anthroposophische Bewegung noch viel Ballast abzuwerfen“rät der eingeschaltete Interviewpartner Helmut Zander aus dem heutigen Berlin.
Dann Kameraschwenk auf Dornach: Fotos vom Ersten im ersten Weltkrieg erbauten Goetheanum, 1922 durch Brandstiftung abgebrannten, und dem Zweiten aus Beton mit Kühen davor grasend, zwei Kurzinterviews mit Fachleuten der Sektionen. Hier endet die Suche nach dem Abenteuer auch für Sünner.
Und in der Folge einer weiteren Stunde Drehmaterial bietet er wie in einer Auftragsarbeit eine nett anzuschauende, wenngleich wohlbekannte Abfolge von Lebensfrüchten anthroposophisch strebender Zeitgenossen in Erziehung, Schule, Heilpädagogik, Biogemüse, neuen Heilmittelmarken ;dazwischen markante Sätze von darin tätigen Menschen aus aller Welt. Sympathisch, nachahmenswert, ohne Ballast. Willkommen in der Nischenkultur! Und als Krönung: Vermenschlichung unseres Wirtschaftslebens! Und da Sünner die ganze brisante Dreigliederungsbewegung und-verantwortung schlicht ausgeblendet hat und somit die soziale Frage als Anthroposophie, müssen der Software-Gründer und -Stifter Peter Schnell und der DM-Chef Götz Werner als Interview-Partner die Kohlen aus dem Feuer holen: Hier bist Du Mensch.
Die Herbeigeeilten dankten‘s dem Filmemacher: Freundlicher bis lebhafter Beifall. War was?


  Maja Rehbein in "Die Drei"
»Anthroposophie gibt es, aber nicht ›die Anthroposophen‹!«, scherzte der Filmemacher Rüdiger Sünner vor der Premiere seines neuen Films am 2. März 2008 in den Berliner Hackeschen Höfen, zu der viele Anthroposophen geladen waren.
Bekannt durch Filme wie Schwarze Sonne, Geheimes Deutschland und sein Buch Totenschiff und Sternenschloss, befasst er sich hier mit Rudolf Steiners Anthroposophie und ihrer öffentlichen Wirkung.
Sünner fährt im Zug durch Niederösterreich. Draußen ziehen die Berge vorbei, die Steiners Kindheit begleiteten. Er filmt die großartige Landschaft, während seine Gedanken sich mit Steiner als »einer der großen Rätselfiguren der europäischen Geistesgeschichte« beschäftigen. Es berührt ihn, wie unterschiedlich jener verstanden wird. Ohne Wertung lässt er verschiedenste Stimmen zu Wort kommen. So hält Helmut Zander, Autor des Buches Anthroposophie in Deutschland, Steiner »für einen tief gläubigen Menschen, der das, was er zu glauben meint, für Wissenschaft hält«.
Auf dem Bahnhof in Pottschach erzählt Sünner vom Leben des Kindes Rudolf Steiner und benutzt dabei Mittel wie Pappmachéfiguren. Der Knabe erlebte die Natur, vielleicht so: Eine Quelle im Mondlicht, das sich darin spiegelt. Raffiniert zeigt Sünner das Treiben des Wassers bis hin zu den zerbrechlichen Glitzerformen. Spätere Erlebnisse mit Geometrie, Kants Philosophie und dem Kräutersammler werden geschildert.
Der junge Steiner geht nach Wien. Zauberische Bilder und Walzermusik sind eher Reminiszenzen an Wien als an Steiner. An der Technischen Hochschule erfuhr er die Öde der materialistischen Weltanschauung. Er hörte auch Anatomie. Sünner illustriert dies mit Bildern, die stark an die Präparate von Gunther von Hagens erinnern.
In der Kunst fand Steiner eine Weltsicht, die das Seelische einbezieht. Seine philosophischen Studien gipfelten in der Erkenntnis: »An dem Ich kann nicht gerüttelt werden.« Jeglichen Nationalismus lehnte er ab; er verehrte die deutsche Geistesgeschichte, die dem Individuum den Vorrang gab.Sünner setzt sich mit Steiners Haltung zum Judentum auseinander. Einige Aussagen irritieren ihn. Mir scheint es problematisch, eine Äußerung aus Zusammenhängen, die für einen kleinen, vorbereiteten Zuhörerkreis gedacht war, so isoliert verstehen zu wollen.
Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv, Metamorphose der Pflanzen: Das Erblühen einer Freesie – im Zeitraffer – bringt dem Zuschauer den Metamorphose-Gedanken greifbar nahe. Steiner erfuhr Derartiges auf meditative Weise und wandte es auf Übersinnliches an, bis hin zur Evolution des Weltalls. Sünner zeigt eine sich dem Betrachter entgegendehnende Sternenwelt.
In Berlin traf Steiner H. P Blavatsky, vertrat in der Theosophischen Gesellschaft jedoch eigene esoterische Intentionen. Das Haus in der Motzstraße, später viele Jahre lang Zentrum der anthroposophischen Arbeit, ist im Film nicht erwähnt. Hier geht es um Atlantis. Osterinsel-Figuren am Meeresgrund, daneben Steiners Bild, von Wasser umspült: als habe er sich den Dingen so verbunden, dass sein Bild dorthin gehört, oder als solle die versunkene Kultur im wahrsten Sinne dargestellt werden.
Es folgen die Rassismusvorwürfe. Auch hier gilt das oben Gesagte. Der Film zeigt Bilder von Indianern: alt, zerfurcht, wie tot, zur scheinbaren Unterstreichung von Steiners Aussagen. Auch bei ähnlichen Sentenzen wird relativ lange verweilt. Wieder sitzt Sünner im Zug und liest Steiner. Dessen »Ambivalenz« beunruhigt ihn. Er befragt dazu Personen aus dem anthroposophischen Umfeld; die Reaktionen reichen von Unverständnis bis zur Nennung der Dinge beim wahren Namen. So spricht der Waldorflehrer Wilfried Jaensch davon, wie Steiner zum Sündenbock des deutschen Rassismus deklariert wird. Zander hingegen ist geneigt, die Dinge aussschließlich im historischen Kontext zu sehen und als zeitgebundenen Irrtum abzutun.
Der Reinkarnationsgedanke gehört zur Grundlage der Anthroposophie. Neue medizinische Forschungen halten ein Fortbestehen des Bewusstseins nach dem Tode für wahrscheinlich. Ein Höhepunkt des Films ist das Interview mit Pim van Lommel, Kardiologe und Nahtodforscher in Arnheim/Holland, der die Erweiterung der wissenschaftlichen Anschauung als notwendig erachtet.
Abschnitte zum ersten und zweiten Goetheanum sowie ein Interview mit Johannes Wirz zur spirituellen Naturforschung schließen sich an. Humorig leitet Sünner anhand wiederkäuender Kühe hinter dem Goetheanum zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft über. Überleitungen sind überhaupt seine Stärke; sie werden kaum als Brüche empfunden, sondern wie sich geschmeidig einfügende Verbindungsglieder, so dass die 13 Kapitel des Films als zusammenhängende, bildhafte Erzählung imponieren.
Von Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben sprechen Paul Mackay und Götz Werner, vom heilpädagogischen Impuls Peter Schnell. Von hier ist es nicht weit zur anthroposophischen Medizin. Dr. Christoph Schulthess skizziert einige ihrer Prinzipien, besonders die künstlerischen Therapien.
Der Beitrag über Waldorfpädagogik ist mit über einer halben Stunde (bei 110min Gesamtlänge) der weitaus längste. Erfrischende Gespräche mit Waldorflehrern geben unmittelbar deren Erfahrungen wieder. Sünner berührt einschlägige Probleme und berichtet über die Waldorfschule in Windhoek/Namibia. Abschließend wird die Sekem-Farm in Ägypten vorgestellt, wo sich Abouleish und seine Mitarbeiter bemühen, an dieser Stelle Frieden zu schaffen. Ihre Auffassung von der Heiligkeit der Erde verbindet sich mit der Anthroposophie und den spirituellen Tiefen des Islam.
Nach dem Ende erscholl Beifall im Saal. Ehe der Ansturm auf den Büchertisch begann, stellte Sünner sein Team vor und dankte besonders Christine Klie, Hans-Jörg Hofrichter (Pädagogische Forschungsstelle Stuttgart) und den Berliner Waldorfschulen.
Dieser Dokumentarfilm ist keine Anthroposophie-Werbung, sondern eine eigenständige und kritische Darstellung Sünners, der als Nichtanthroposoph bei diesem Abenteuer auch »Bizarres und Unverständliches« fand. Der Zuschauer erwirbt weniger ein Bild der Anthroposophie, die als geistiges Wesen ohnehin nur geistig fassbar ist, als ihrer Wirkungen in der Welt. Doch an mehreren Stellen, wo der Film in die Tiefe geht, ist die Beziehung zu Spirituellem deutlich erlebbar. Ein Film, der mit der Anthroposophie nicht vertraute Menschen ermutigen kann, sich mit ihr gründlicher zu beschäftigen.
Sünner ist Kosmopolit – das verbindet ihn mit Steiner. Außer den Zitaten spricht er den Text selbst, was seinem Film einen bekenntnishaften Charakter gibt. Der Kinofilm ist auch als DVD erhältlich.

  Wolfgang G. Vögele in NNA-Nachrichten für eine andere Welt

Anthroposophie als Gefühlsangelegenheit
Rüdiger Sünners Film über Rudolf Steiner ist alles andere als eine Dokumentation - Nachfrage nach fairen, objektiven Darstellungen zum Thema steigt. Ein Porträt Rudolf Steiners „des vielseitigsten und vielleicht umstrittensten spirituellen Denkers des 20. Jahrhunderts“ – das ist der Inhalt des neuesten Films von Rüdiger Sünner (Jahrgang 1953), bekannt als Filmemacher, Musiker und Autor. Vor kurzem lief der Film mit dem Titel „Abenteuer Anthroposophie. Rudolf Steiner und seine Wirkung“ in Berlin an, in der vergangenen Woche wurde er in Dornach gezeigt. Es ist ein Novum, dass ein durchaus anthroposophiekritischer Film von der Pädagogischen Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen mitfinanziert wurde.
Das 110-minütige Werk, für dessen Buch, Regie und Kamera Sünner selbst verantwortlich ist und das den Anspruch hat, ein Dokumentarfilm zu sein, will Leben und Werk Steiners auf populäre Weise nachzeichnen. Zugleich will es anschaulich machen, dass das von Steiner erarbeitete Menschen- und Weltbild keine überholte Theorie des 20. Jahrhunderts ist, sondern sich bis heute auf vielen Lebensgebieten praktisch bewährt hat und noch ein enormes Entwicklungspotential in sich trägt.
Ein Gespür, ja vielleicht ein Faible für Unterschwelliges, Schillerndes und Obskures ist Sünner nicht abzusprechen, wie seine bisherigen Filme «Schwarze Sonne» (über den Missbrauch von Esoterik im Dritten Reich) oder «Geheimes Deutschland» (über die Wirkungen der deutschen Frühromantik) zeigen. Sünners Filme und Bücher, vor allem seine „Schwarze Sonne“, werden übrigens in neuheidnischen Kreisen, wie z.B. auf der Website Rabenclan, zitiert und empfohlen.
Sünner kommentiert, abwechselnd mit dem bekannten Sprecher Hans-Peter Bögel, seinen Film „Abenteuer Anthroposophie“ selbst. Er nimmt uns gleichsam mit auf eine Bahnreise, wobei wir aus dem fahrenden Zug auf Landschaften blicken, die im Leben Steiners eine Rolle spielten. Von hier aus erweitert sich die Szene: man steht etwa vor der Technischen Hochschule Wien und betritt deren Innenräume, in denen Steiner studiert hat. Fotodokumente, wie etwa von Verwandten, Lehrern und Bekannten Steiners, aber auch von Ereignissen wie dem Brand des ersten Goetheanums, werden geschickt in das jeweilige Kapitel integriert. Die dezent-romantische Begleitmusik unterstreicht vor allem die farbintensiven, ästhetisch niveauvollen Landschaftsbilder und dürfte dem Harmoniebedürfnis der meisten Zuschauer entgegenkommen.
In einer Einleitung wird Steiner als „eine der großen Rätselfiguren der europäischen Geistesgeschichte“ bezeichnet. Es folgen die Kapitel Jugend in Niederösterreich, Studium in Wien, Weimar und Goethe, Theosophie, Reinkarnation und Karma, Das Goetheanum, Spirituelle Naturforschung, Wirtschaftsprinzip Brüderlichkeit, Anthroposophische Medizin, Waldorfpädagogik und Waldorfschulen in Afrika. Als aktueller Ausklang wird das ägyptische Unternehmen Sekem mit seinem charismatischen Leiter Ibrahim Abouleish vorgestellt.
Sünner, der idealistische Romantiker, hat schon früher bewiesen, dass ihn die Poesie von idyllischen Landschaften und Gedichten, von Bildern und Symbolen, aber auch die suggestive Wirkung von Führergestalten fasziniert. Man denke nur an seinen Film «Geheimes Deutschland», in dem er die deutsche Frühromantik und ihre Wirkungen bis zu Stefan George würdigt.
Im vorliegenden Film gerät Sünner mehr als einmal in Gefahr, biographische Daten zu missachten, was dem Anspruch des Dokumentarischen zuwiderläuft. Ein vielschichtiges, ganzheitliches Denken, wie das anthroposophische, von dem maßgebliche, alternative Impulse für alle Lebensgebiete ausgegangen sind, kann wahrscheinlich durch das Medium Film immer nur oberflächlich umrissen werden. Trotzdem sollten die Fakten stimmen. Das ist leider nicht immer der Fall. So behauptet er, Steiner sei erst in Berlin mit der anglo-indischen Theosophie Blavatskys in Berührung gekommen. Fakt ist, dass dies schon mindestens 13 Jahre früher in Wien geschah.
Ebenso wenig gehören Bilder des erst 1890 geborenen Egon Schiele in das Wien, das der junge Steiner erlebt hat.
Vielleicht ist dies ja inzwischen als Notbehelf im Medium Film zulässig genau wie die Einblendung des heutigen Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs als Arbeitsstätte Steiners. Dieser hat allerdings nie dort gearbeitet, denn zu Zeiten Steiners war das Archiv im Weimarer Schloss untergebracht. Das liegt nun weniger exponiert und ist auch nicht so fotogen.
Dem sachkundigen Zuschauer fallen außerdem immer wieder Vereinfachungen auf, die dem Inhalt abträglich sind und den dokumentarischen Anspruch weiter untergraben. So bleiben wichtige Elemente von Steiners Geistesentwicklung wie etwa seine Freiheitsphilosophie oder seine esoterische Christologie einfach ausgeblendet. Die Originalität, das Spezifische der Anthroposophie, etwa die Gesetzmäßigkeiten der Eurythmie, werden vernebelt oder ignoriert: so leitet er diese Bewegungskunst, wohl um dem Zuschauer ihre Entstehung begreiflicher zu machen, schlicht aus dem damals üblichen Ausdruckstanz ab.
Indem er Kritiker und Anhänger der Lehre Rudolf Steiners jeweils in kurzen Interviews gleichermaßen zu Wort kommen lässt, gibt sich der Film den Anstrich der Ausgewogenheit. So lässt er einen Insider wie INFO3-Redakteur Sebastian Gronbach die oft zur Schau gestellte „heile Waldorfwelt“ kritisieren, hinter der genau so alltägliche Konflikte auftreten wie an jeder normalen staatlichen Schule auch. Der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich, der in seinen Büchern Steiners Geisteswissenschaft eine rationalisierte Mystik genannt hat, erhebt Steiner im Sünner-Film in den Rang eines Klassikers der Pädagogik.
Trotzdem kommen einem doch Zweifel, ob die Wirkung von Sünners Film wirklich nur positiv ist, obwohl er in den ersten Rezensionen gerade auch in der anthroposophischen Bewegung durchweg auf begeisterte Zustimmung stieß.
Denn vieles macht Sünner zu einer reinen Gefühlsangelegenheit, während gerade das Neue an Steiners Gedankengut und Methodik – die Verbindung neuzeitlichen, wissenschaftlichen Denkens mit einem genau beschreibbaren Weg, der Erfahrungen der geistigen Welt möglich macht, weitgehend konturlos bleibt. Anthroposophie wird so manchmal leichtfertig in die Nähe des vormodernen, magischen Denkens gerückt, etwa, wenn Sünner sie fast übergangslos mit den Mythen der Buschvölker, der Megalithkultur oder der alten Ägypter vergleicht. Hängt nicht alles mit allem zusammen? Wird nicht hier wie dort in Bildern erzählt und an eine Welt von geistigen Wesenheiten hinter dem Sichtbaren geglaubt? So auch bei der Sequenz über anthroposophische Medizin, die Sünner nicht klar genug von der fernöstlichen Heilkunst unterscheidet. Beides kann bekanntlich mit dem Modewort „spirituell“ belegt werden. Auch wenn der Filmemacher zugesteht, Steiner habe Blavatskys Lehren weiterentwickelt, so kann dies den Eindruck einer verzauberten Hinterwelt nicht verwischen. Und die Praxis der biologisch-dynamischen Landwirtschaft erscheint – fast im Duktus des Nachrichtenmagazins SPIEGEL – als vormoderner, magischer Hokuspokus.
So verdichtet sich der Eindruck, Anthroposophie sei eine leicht konsumierbare Trivialesoterik, die Erleuchtung mit Wellness gleichsetzt. Gegen diesen „gefälligen“ Gesamteindruck des Films kommen auch die authentischen Bekenntnisse einzelner Interviewpartner nicht auf, die mit der Anthroposophie beruflich oder privat in Berührung gekommen sind.
Fragwürdig bleibt auch Sünners Beschäftigung mit dem gegenwärtigen Mainstream öffentlicher Anthroposophiekritik. Sünner verharrt unverhältnismäßig lange bei umstrittenen Äußerungen Steiners über außereuropäische Völker und lässt dazu den im vergangenen Herbst von verschiedenen Medien zum Anthroposophie-Experten hochstilisierten Autor Helmut Zander zu Wort kommen. Mit Zander geht der Filmemacher Sünner zumindest in der Behauptung konform, Steiner habe eine eigene Rassentheorie entwickelt, die man historisch kontextualisieren müsse und damit als zeitbedingt entschuldigen könne. Unwidersprochen bleibt auch die von Zander im Film ausgesprochene Vermutung, Anthroposophen machten um dieses Thema deshalb einen Bogen, weil sie fürchten müssten, mit der Rassentheorie stehe oder falle auch die Anthroposophie als Ganzes. Denn sie hielten, so Zander, jedes Wort Steiners für unfehlbare Einsicht in höhere Welten. Damit konnotiert der Film unterschwellig das Vorurteil von den autoritätsgläubigen Anthroposophen, was Journalisten schon vor Jahren zu der Frage veranlasste: «Muss der Guru gehen?» (DIE ZEIT, 36/2000).
Auch an diesem Punkt zeigt sich, wie wichtig es ist, dass in der Außendarstellung der Anthroposophie präzise vorgegangen wird und wie schwierig hier das Medium Film einzusetzen ist, das eben vorrangig auf die Gefühlswelt der Zuschauer setzt und weniger auf das Denken. Mit Zander als Gewährsmann geht auch unter der Hand dessen Steiner Bild mit in den Film ein, ohne dass darauf explizit eingegangen wird. Für Helmut Zander ist Steiner „ein tiefgläubiger Mensch, der einen so großen Glauben hat, dass er das, was er zu glauben meint, für wissenschaftlich vertretbar hielt.“ Mit anderen Worten: ein naiver Mensch, der bedauerlicherweise seine Träumereien für Wissenschaft hielt und der mit Science Fiction Romanen vielleicht schneller Karriere gemacht hätte. In Zanders Untersuchung wird überdies, was im Film natürlich nicht zur Sprache kommt, Rudolf Steiners Glaubwürdigkeit sehr in Frage gestellt. Von dieser Darstellung Zanders ist es nur ein kleiner Schritt bis zur Auffassung Rüdiger Sünners, man könne Steiners Weltbild und seine geistige Schau ohne weiteres mit den Phantasmagorien deutscher Romantik und überhaupt der Märchen und Mythen alter Kulturen vergleichen. Damit wäre die Anthroposophie Rudolf Steiners endgültig entschärft und ganz im Sinne von New Age leicht konsumierbar. Eine Droge der oberen Zehntausend, einer Elite, die sich dann von der „halbseidenen“ Esoterik (Zander) absetzen würde, die für den Rest der Bevölkerung übrig bleibt.„Entspannt in die Barbarei“ war ein Vorwurf, den Kritiker wie Jutta Ditfurth der Esoterik machten. Eine Anthroposophie, wie sie in Sünners Film dargestellt wird, setzt sich leicht diesem Vorwurf aus.

Dennoch hat der Film auch künstlerische Qualitäten, besonders in den Landschaftsbildern des Jugendkapitels. Zweifellos macht er durch die faszinierende Kraft der Bilder auf Steiner aufmerksam. Er zeigt Steiner vor allem als Glied in der langen Kette einer uralten esoterischen Tradition. Damit gerät allerdings aus dem Blick, was Steiner wesentlich auch war: ein Querdenker und unbequemer Repräsentant der Moderne. Mancher Zuschauer mag sich allerdings fragen, was die „Träumereien Steiners“ mit den im Film gezeigten erfolgreichen Managementideen zu tun haben (Sekem, dm-Drogeriemärkte, Software-Stiftung) und kommt so zu einer Kernfrage des Films: Wie ist es möglich, dass in einer aufgeklärten, wissenschaftlich orientierten Zeit eine Bewegung wie die Anthroposophie ungebrochenen Zulauf erhält und sich global ausbreitet? Enthält sie vielleicht doch zeitgemäße Elemente? Ist sie mehr als Romantik? Sollte es diesem Film, der streckenweise in modischen Gefälligkeiten zu versinken droht, gelingen, solche Fragen oder Diskussionen auszulösen, wird er letztlich doch einen guten Zweck erfüllt haben.




Thilo Götze Regenbogen auf seinem Blog    

Wie Zeitzeugen schildern, war Rudolf Steiner (1861-1925) eine Persönlichkeit von großer und eindringlicher Ausstrahlung. Seine Wirkung hält bis in die Gegenwart hinein an - nicht zuletzt deswegen, weil die Menschheitsfragen, auf die er eine Antwort gesucht hat, bis zum heutigen Tage fortbestehen. Unsere schnellebige Zeit bringt jedoch eine flackernde Aufmerksamkeit mit sich, die von solch komplexen und vielschichtigen Phänomenen nur noch aus dem Zusammenhang heraus gerissene Teilchen wahrzunehmen in der Lage ist. So hat man mal etwas gehört von Waldorfschulen, biologisch-dynamischer Landwirtschaft oder anthroposophischer Medizin, aber sich selten weitergehend darauf eingelassen. Wie ist das Leben eines Menschen verlaufen, den man in einem Zusammenhang sehen muß mit den großen Universalgelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts, mit Johann Wolfgang von Goethe, Carl Gustav Carus oder Alexander von Humboldt? Wie kann einer dahin kommen, so grundlegend über Naturkräfte und Menschenwesen nachzusinnen, daß er heute so weit auseinander liegenden Sphären wie Pädagogik und Landwirtschaft, Medizin und Spiritualität, Architektur und Wirtschaftsleben, Kunst und Naturwissenschaft wegweisende Impulse geben kann? Was meint die von ihm begründete Anthroposophie und wo steht sie heute im Weltgeschehen?

Der hier behandelte Film von Rüdiger Sünner geht die beinahe unmögliche Aufgabe an, wichtige Lebensstationen Steiners in Niederösterreich, Wien und Weimar, schließlich in Dornach in der Schweiz und auf seinen vielen Vortragsreisen zusammenhängend zu verdeutlichen. Wir lernen Waldorfschulen in Deutschland und Afrika kennen, sowie die anthroposophisch orientierte Sekem-Farm in Ägypten. Es kommen Menschen zu Wort, die seine Auffassungen studiert, geprüft und sich zu eigen gemacht haben und solche, die nach ebenfalls oft jahrzehntelanger Auseinandersetzung damit Kritikpunkte benennen. So ist ein ausführliches Porträt eines der vielschichtigsten Denker und Lehrer der Moderne entstanden, dessen Hinterlassenschaft enorm umfangreich ist und die auch heute noch polarisieren kann. Den 13 Kapiteln des Dokumentarfilms ist außerdem ein Porträt des Filmautors Rüdiger Sünner (Jg. 1953) beigegeben, dem wir so wichtige Filme wie „Schwarze Sonne“, „Paul Klee in Ägypten“ oder „Geheimes Deutschland“ verdanken. Die Kapitel des Films gehen auf die Jugendzeit Rudolf Steiners in Niederösterreich ein, zeigen die Landschaften seiner Kindheit und die Kräfte, welche den sensiblen, schon früh durch übersinnliche Erlebnisse geprägten Jungen beeinflußt haben. Unter der Ablehnung durch den Vater wird sein Refugium die Natur, mit der er in heimlichen Dialogen zu verkehren lernt und deren Geheimnisse er zu ergründen sucht. Das wird in schönen, die Imagination anregenden („sprechenden“!) Elementar-Bildern gezeigt, deren Signaturen den ganzen Film durchziehen. Wir werden wieder angeregt, in einer Blütenform oder in einem Stück Baumrinde mehr zu sehen, als den mechanischen Ausdruck von ein paar Naturgesetzen und uns auch seelisch berühren zu lassen von der Schönheit und Magie der Elemente. Der ländliche Reichtum an Sagen und Mythen wird mit inspirierenden Zitaten und Bildern belegt. Die Gesetze der Ähnlichkeit, das Bestreben Steiners, „seelisch in der Ausbildung innerer Formen (zu) leben“ wird deutlich. Der junge Steiner betritt so schon sehr früh neben dem Naturstudium auch den „Seelenschauplatz“ der geistiger Offenbarungen, die ihm die Welt von anderen Seiten her verständlich machen, als es das im 19. Jahrhundert erstarkte, bereinigt materialistische Weltbild der neuen Naturwissenschaften erlauben will. Auch heute noch wird leicht als „Esoterik“ oder Okkultismus abgetan, worin Rudolf Steiner schon früh einen ganz eigenen Erfahrungsraum sich erschließt. Diese Erfahrungen gestatten ihm, die Denkorgane ins Innere der Dinge zu verlängern, also nicht an den oberflächlichen Erscheinungen und dem bloß funktionalen Gebrauch hängen zu bleiben. Für all diese subtilen Erlebnisebenen findet der Film erstaunliche und hilfreiche Bilder, auch wo sie zuweilen die Sprache des Dokumentarfilms übersteigen, ganz dem erweiterten Menschenbild ensprechend, das hier Gegenstand und Thema ist.

Das Studium in Wien, die geistlose akademische Zitaten-Reproduktion, die Enge des erfahrungsbereinigten Bücherwissens können Steiner schon bald nicht mehr zufriedenstellen. In scharfem Kontrast eröffnen sich in seiner heranreifenden Erfahrungswissenschaft Einsichten wie z.B. die, daß das Licht „als wirkliche Wesenheit in der Sinneswelt (erscheint), die aber selbst außersinnlich ist.“ Tausende von Leichen wurden im 19. Jh. seziert und keine Seele gefunden! Steiner sucht nach Begriffen der Wirklichkeit, die das seelische Erleben mit umfassen, so wie es ihm seit seiner Kindheit zugänglich ist. Die bildende Kunst, die Museen, dort die Malerei von Arnold Böcklin scheint seine Kindheitserlebnisse schon zu kennen. Sodann das Erlebnis des Ich, die Wirklichkeit und Geistigkeit des Ich in den herausragenden Werken von Rembrandt. Er wendet sich gegen jeden Form des Zeitgeist-Nationalismus schon in seiner Wiener Lebensphase. Der deutsche kosmopolitische Geist wie bei Goethe ist ihm sehr verwandt, er geht auf Distanz auch zum Anti-Semitismus der Zeit, ebenso aber auch zum Zionismus und er sympathisiert mit der vollständigen Assimilierung der Juden – eine Auffassung, die gerade im Zeitraum der Moderne auch von vielen jüdischen Intellektuellen und Künstlern geteilt wird. Mit großem Respekt vor den gesellschaftlich aktiven Frauen seiner Zeit besucht er die führenden Salons in Wien und erhält dort zahlreiche Anregungen. Was ihn aber generell stört, sind die starken Gegensätze und die vielen Kontroversen auch der intellektuellen Welt dieser Zeit, die seiner Auffassung nach zu einer Harmonie finden müssen. Dieses Harmoniebedürfnis nähert ihn schon früh dem religiösen Kulturfeld an und einer Form von Kunst, die das Wagnis und die vielen herausragenden Neuerungen der Moderne eher zu scheuen scheint. Bis in die heutige Zeit ist, was Steiner geschaffen hat, von den Chiffren und Kontroversen seiner frühen Jahre geprägt sowohl in den Stärken, wie in den Schwächen. Zahlreiche Interviewpartner - auch einige kritische - kommen in diesem umfassend angelegten Film von Rüdiger Sünner zu Wort, so z.B. Götz Werner, Dr. Schnell, Otto Schily, Heiner Ulrich, Helmut Zander, Ibrahim Abouleish und auch einige engagierte Frauen, die insbesondere im pädagogischen Bereich tätig sind.

Ab 1890 arbeitet Rudolf Steiner im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar an der Gesamtausgabe der Werke Goethes mit Schwerpunkt auf dessen naturwissenschaftlichen Schriften. Er betrachtet diese zugleich als Entwürfe einer spirituellen Naturphilosophie, die in ihm selber sich fortwährend weiter entwickelt. Pflanzenwachstum, Prozeßerleben, das Naturgeschehen als eine von Ideen geleitete Metamorphose sind seine zentralen Gedanken. Schöne Überblendungen Goethescher Zeichnungen und Notate mit Fresienbildern suchen das nahe zu bringen. Das Übersinnliche ist bestimmend, über die Sinnenwelt hinaus geht das Denken. Ein Abschnitt ist Weimar und Goethe gewidmet, weitere der Theosophie, dem Einfluß des Denkens von Madame Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891), der Begründerin der modernen Theosophie und der Beschäftigung mit der buddhistischen Kosmologie. Hier setzen dann die haarigen und sehr umstrittenen Auffassungen Steiners von den fünf Grundrassen an und schon lächerlich klischeehaft zu nennende Vorstellungswelten entfalten sich, betr. etwa die Indianer Nordamerikas und das angeblich schon in ihnen Angelegte ihres Untergangs, die Klischees über das Triebleben afrikanischer Neger etc., über die man eigentlich keine Worte mehr verlieren muß. Der Autor zeigt die Widersprüchlichkeit Steinerschen Denkens auf und läßt viele Fachleute in Statements die jeweiligen Fragen von verschiedenen Seiten kommentieren. Historische Kontextualisierung als ein möglicher Ausweg aus der Reaktualisierung der Kontroversen führt dabei schnell in die kulturellen Kreise, aus denen sich auch die Wegbereiter des Nationalsozialismus genährt haben. Rüdiger Sinner weiß, wovon er spricht, hat er sich doch auch damit schon befaßt. Das Thema Reinkarnation und Karma wird mit Bespielen aus Ägypten und den prähistorischen Megalith-Kulturen angesprochen. Das wissenschaftliche Verständnis der Nahtod- und Sterbeerlebnisse muß transformiert und erweitert werden – was ja seit 20 Jahren auch geschieht. Was auffällt ist, daß hier die asiatischen und buddhistischen Quellen Steinerschen Denkens kaum Erwähnung finden. Jeder weiß heute, daß die buddhistische Überlieferung wie Praxis enorm kundig zu diesem Thema ist und Steiner wußte es ebenfalls, auch wenn die zeitgenössische Theosophie dafür nicht gerade eine authentische Quelle gewesen ist. Das Goetheanum in Dornach wird in seiner Entwicklung vom Holzbau zur Betonskulptur gezeigt, Zeugen und Forscher kommen zu Wort. Erläutert wird die dort bis zum heutigen Tage weiter entwickelte und praktizierte spirituelle Naturforschung und vieles mehr, was in diesem bedeutenden Archiv-, Forschungs- und Kulturzentrum lebendig ist. Das Wirtschaftsprinzip Brüderlichkeit, die Ideale der französischen Revolution aufgreifend und mit dem Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus sinnvolll verschmolzen; die aktuelle Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen, die bis heute bedeutenden Beiträge der anthroposophische Medizin werden anschaulich gemacht und die Denkweise, Einfluß zu nehmen auf das Problem, das die Krankheit auslöst, bei der Entgleisung in die Einseitigkeit ansetzend.

Der reformpädagogische Sonderweg Steiners in der Waldorfpädagogik als Ausdruck der Ehrfurcht vor dem sich selbst entwickelnden Geist werden ein Kapitel lang in den Mittelpunkt gerückt und nicht zuletzt ist immer wieder ein der anthroposophischen Szene zuweilen abgesprochener Humor durchscheinend: „Wie wunderbar: Stunden mit dem blöden Wattwurm!“ (bei Wanderungen mit Kindern im Nordsee-Watt). Schließlich der markante anthroposophische Projekt-Ansatz in Afrika und zum Abschluß die Sekem-Farm in Ägypten werden vorgestellt: „Nichts mehr als die Kunst kann wirklich das Bewußtsein entwickeln.“ Wegen der oft spürbaren inhaltlichen Nähe zu spirituellen Positionen des Buddhismus und wegen dessen aktueller Präsenz im öffentlichen Bewußtsein, sei noch dies angemerkt: Drei Kräfte haben eine authentische und adäquate Verarbeitung der buddhistischen Weisheitsüberlieferung bei Rudolf Steiner begrenzt bzw. verhindert: 1. seine Rassentheorie, insbesondere zu den asiatischen Völkern; 2. seine starke, christlich geprägte Religiosität; und 3. die Auseinandersetzung mit Madame Blavatsky, der organisierten Theosophie, deren Generalsekretär Steiner gewesen ist und ihren Lehren und seine folgende energische Abgrenzung von der Theosophie, welche in dieser Zeit auch eine wichtige, für den Buddhismus wirksame Kraft gewesen ist. Steiner hat gleichwohl zu einer freien Auseinandersetzung mit den Weisheitsüberlieferungen beigetragen, frei von kirchenchristlichen Bindungen. Madame Blavatsky hat in großem Umfang eine freie Auseinandersetzung mit der buddhistischen Weisheitsüberlieferung in ihrer Zeit angeregt und befördert, besonders auch bei Künstlern wie Max Beckmann, Wassilij Kandinsky u.v.a. Heute ist die Lage allerdings nun eine völlig andere auch deswegen, weil die buddhistischen Lehrer der verschiedenen Schulrichtungen alle im Westen präsent sind und gut für sich selber sprechen können und weil die weltweite massenmediale Entwicklung den individuellen Zugang zu Informationen explosionsartig erweitert und auch befreit hat. Rüdiger Sünner hat mit seinem einfühlsamen Porträt einer historischen Persönlichkeit auf herausragende Weise unser Verständnis dieses vielschichtigen und widersprüchlichen Menschen Rudolf Steiner befördert. Er hat dies in einer anschaulichen und lebendigen Weise verwirklicht, so daß wir die Aktualität der meisten Fragen erkennen und den großen Beitrag der anthroposophischen Bewegung zur Lösung der Menschheitsfragen würdigen können.


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Kraft Wetzel in Schauen & Lauschen
Es gibt Filme, die sind wie geschaffen für das Medium DVD. Rüdiger Sünners Film über Rudolf Steiner (1861-1925), den Begründer der Waldorf-Pädagogik, ist so einer. Sünner hat den spirituellen Werdegang und die Wirkungsgeschichte dieses Mannes so gründlich, so zitatenreich vertieft, dass man schon fast genötigt ist, den Film immer wieder anzuhalten, um den Thesen und Folgerungen Steiners in Ruhe nachschmecken zu können. Sünner geht biographisch vor, verfolgt mit seiner Kamera den Lebensweg und die spirituelle Entwicklung dieses Mannes von den einsamen kleinen Bahnhöfen Niederösterreichs, auf denen sein Vater Dienst tat, über seine Studienzeit in Wien und Berlin bis zum Bau des Goetheanums, einem faszinierend organoiden Bau fast ohne rechte Winkel in Dornach/Schweiz, in dem Steiners Lehren praktiziert, erforscht und weiterentwickelt werden. Dreh- und Angelpunkt ist für Sünner die Naturphilosophie Steiners, die in den lieblichen Landschaften Niederösterreichs ihren Ausgang nahm. Dort schon, als Kind, führt er "heimliche Dialoge mit den Pflanzen und Elementen", stets auf der Suche nach den "schaffenden Wesenheiten hinter den Dingen". Im Studium leidet er am wissenschaftlichen Materialismus seiner Zeit, der alles Natürliche auf rein stoffliche Prozesse reduzieren will. Stattdessen suchte er nach einem – heute würde man sagen: ganzheitlichen – Begriff von Wirklichkeit, der auch das seelische Erleben mit umfasst. Später, als Mitarbeiter an einer Goethe-Gesamtausgabe in Weimar, macht sich Steiner Goethes Auffassung zu eigenen, die das Naturgeschehen als eine von Ideen geleitete Metamorphose versteht. "Wir müssen über die Sinnenwelt hinausgehen", schreibt Steiner und bemüht sich, die "über den sinnlichen Dingen schwebende höhere Einheit" zu fassen. Den größten, bis heute fortwirkenden Erfolg hatte Steiner mit seiner Waldorf-Pädagogik, deren Grundzüge er in der jahrelangen Betreuung des behinderten Sohnes eines jüdischen Tuch-Importeurs entwickelt. Kinder bringen, so Steiner, ihre Individualität als etwas Göttliches aus früheren Erdenleben mit. Dieser "Wesenskern" soll sich ungehindert entfalten können. Deshalb wird an den Waldorfschulen "mit Kopf, Herz und Hand" gelernt, spielen die so genannten weichen Fächer wie Musik und Tanz (Eurythmie), Kunst und Handarbeit eine so große Rolle. Sünner zeigt diese Lehr-Methode an mehreren Beispielen. Wenn die Kinder etwas über das Bauen erfahren sollen, dann bekommen sie erst einmal Ziegelsteine in die Hand, begreifen mit den Händen, bevor sie einen Begriff dazu bilden, bauen gemeinsam mit Mörtel ein Fundament und einen kleinen SCHAUEN & LAUSCHEN Spirituelle Filme auf DVD, im Kino und im Fernsehen gesehen von Kraft Wetzel Turm. Sie machen also sinnliche Erfahrungen, bevor sie mit abstrakten Begriffen konfrontiert werden. Und wenn "Wattenmeer" auf dem Stundenplan steht, werden die Kinder erst einmal knietief in Schlick geführt, bevor sie sich dann 'wie von alleine' mit Wattwürmern beschäftigen und damit, was eine Tankerhavarie für diese Tiere bedeutet. Man muss sich nur die Verhältnisse an unseren 'normalen' Schulen vergegenwärtigen, den kaum mehr aushaltbaren Stress für Schüler und Lehrer, den immer abstrakter werdenden Lehrstoff in immer kürzerer Zeit in die Köpfe pressen zu müssen, um den Erfolg der Waldorf-Schulen zu verstehen. In über 70 Ländern gibt es sie inzwischen (Sünner besucht zum Abschluss seines Films Schulen in Namibia und in Ägypten); in Deutschland arbeiten über 7.000 Waldorf-Lehrerinnen und -Lehrer, allein in Berlin gibt es fünf solcher Schulen.