Heilende Impulse
Eine Begegnung mit dem Gründer der Software-AG Stiftung Peter M.Schnell
von Rüdiger Sünner (info3, Mai 2008) PDF

  Zu den guten Ideen, die der Geschäftsführer der Pädagogischen Forschungsstelle Hansjörg Hofrichter zu meinem Film "Abenteuer Anthroposophie" beisteuerte, gehörte auch der Vorschlag, den Gründer der Software-AG-Stiftung Peter M. Schnell zu interviewen. Vielleicht hat sich Hofrichter damit auch einen eigenen heimlichen Wunsch erfüllt: einmal den sehr zurückgezogen lebenden und äusserst scheuen Millionär kennenzulernen, der mit Teilen seines Vermögens seit 1999 zahlreiche Projekte im Bereich der Jugend-, Alten- und Behindertenarbeit fördert. Schnell schien Interesse an dem Filmprojekt zu haben und so fuhren wir zu dem grossen, vor den Toren Darmstadts gelegenen Anwesen seiner Stiftung. Mit dem Taxi ging es durch Gartenkolonien immer weiter an den Rand der Stadt hinaus, bis wir in der Ferne auf einer Anhöhe schon den imposanten Bau erblicken konnten. An einem verschlossenen Einfahrtstor, das von Kameras überwacht wird, mussten wir uns über eine Fernsprechanlage anmelden, bevor geöffnet wurde und wir langsam die Strasse herauffahren durften.

Langsam kam die grosse, reetgedeckte Villa zum Vorschein, die inmitten eines wunderschönen Parks wie der Wohnsitz eines Künstlers aus dem 19. Jahrhundert wirkt. Richard Wagner oder Arnold Böcklin hätten gleich aus dem Tor treten können, um uns zu begrüssen und nach innen in die heiligen Hallen zu führen. Stattdessen gelangten wir in eher nüchterne Flure voll geschäftigen Lebens, wo zahlreiche Mitarbeiter an Computern, Telefonen und Fotokopierern beschäftigt sind, um die vielfältigen Aufgaben der Software-AG-Stiftung auch organisatorisch zu meistern. Schnell, der uns freundlich empfing, ist alles andere als ein ätherisch wirkender und in reinen Geisteswelten lebender Anthroposoph. Zu Rudolf Steiner, so sagte er zu Beginn mit einem jungenhaften Lachen, sei er durch Fragen geführt worden, die er schon seit Kindesbeinen in sich trage und auf die seine Lehrer nie eine Antwort gewusst hätten: Warum verdaut der Magen nicht auch sich selbst? Warum wachsen Bäume so schön gerade in den Himmel? Wie kommen die Einfälle eines genialen Erfinders zustande? Auch während seines Physikstudiums seien Fragen etwa zur inneren Struktur der Materie aufgetaucht, die die akademischen Lehrer nur unzureichend beantworten konnten. In der Anthroposophie jedoch habe er Denkimpulse bekommen, um auf jenen Wissensfeldern weiterzukommen und ein tieferes Verständnis der Welt zu erlangen. Das Werk Steiners, so Schnell, halte gerade auch für den wissenschaftlich interessierten Menschen viele Hinweise bereit, um sein Weltbild in einer zeitgemässen Art spirituell zu erweitern. Sein anfängliches Interesse für Astrologie habe er schnell wieder aufgegeben, weil es ihm - wie viele andere Esoterik auch - eben nicht zeitgemäss, d.h. kompatibel mit der modernen Naturwissenschaft erschien. Peter Schnell verdiente durch Innovationen auf dem Felde der Datenverarbeitung viele Millionen, aber er ist alles andere als ein trockener, nur von Gigabytes und Mikrochips begeisterter Technikfreak.

Ihn hätten die Ideen immer mehr fasziniert als die Apparaturen selbst, so z.B. der kreative Moment, wo mitten im Akt logischen Denkens plötzlich ein Sprung einsetzt und einen auf eine nie geahnte höhere Ebene bringt, wo man von "Einfällen" heimgesucht wird, deren Brisanz sich erst später im Rückblick völlig erschliesst. Auch ein Mathematiker, Physiker oder Software-Entwickler könne sich in solchen Augenblicken wie an eine Welt der "prima causa" angeschlossen fühlen, wo zumindest für Sekunden etwas von letzten geistigen Grundstrukturen erahnbar würde. So gesehen habe sich sein Interesse für die Anthroposophie ganz natürlich aus seiner mathematisch-technischen Leidenschaft entwickelt, ebenso wie die Idee einer gemeinnützigen Stiftung. Denn die von Schnell gegründete Software AG zur Entwicklung neuer Datenverarbeitungssysteme sei keine reine "Spielwiese zur Anhäufung von Reichtum" gewesen, sondern eine Ideenwerkstatt, deren reiche Erträge er als Treuhänder möglichst vernünftig verwalten wollte. Die juristische Form dafür wäre eben eine Stiftung gewesen, in die Schnell 1992 ein Aktienpaket von 50 Millionen Mark einbrachte, um dieses Geld dann für humanistische Projekte weiter zu verwenden. Dabei mag auch die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass Schnell Vater von zwei behinderten Söhnen ist und daher schon früh viel vom Schicksal und der speziellen Pflegebedürftigkeit von Behinderten mitbekam. Daher fördert die Software-AG-Stiftung auch diesbezügliche Projekte in der ganzen Welt, vor allem in Osteuropa, wo bis vor kurzem die entsprechenden Heime und Wohnstätten noch in einem katastrophalen Zustand waren. Von Behinderten habe er viel lernen können und mit ihnen gemeinsam Dinge erlebt, die einen "gesunden" Menschen nur "beschämen" könnten.
Als ein Anhänger Rudolf Steiners, der täglich "ein bisschen" in dessen Gesamtausgabe liest, fördert Schnell nicht nur anthroposophische Institutionen. Neben Waldorfschulen erhalten auch andere reformpädagogische Projekte Geld der Software-AG-Stiftung, um neue ganzheitliche Erziehungskonzepte zu entwickeln. Erziehung, so veranschaulicht uns Schnell mit einem Heraklit-Zitat, sei es eben nicht, ein Fass zu füllen, sondern "ein Licht im Kinde anzuzünden." An Staatschulen würde aber nach wie vor vor allem Wissen in die Kinder hineingefüllt und zwar auch durchaus weltanschaulich geprägtes Wissen, das zutiefst von einem "darwinistischen Materialismus" geprägt sei. Dieser beeinflusse umso intensiver das Gemüt junger Menschen, als er nur den Wenigsten als eine "Ideologie" erkennbar sei. Schnell will dagegen den ganzen Menschen entwickeln, wozu natürlich auch ästhetische Erfahrung und Praxisnähe gehöre. Dieser Universalismus solle selbst in der späteren Hochschulausbildung weitergehen: auch ein zukünftiger Manager solle sich mit Kunst beschäftigen, um einen möglichst weiten und beweglichen Blick auf das Leben zu bekommen.
Die Diskussion um das Für und Wider wissenschaftlicher Rationalität ist eine der Lieblingsthemen Schnells und man kann ihn auf diesem Gebiet mit nur wenigen Stichworten zu leidenschaftlichen Debatten verführen. Interessant ist dabei, dass hier eben ein ausgebildeter Wissenschaftler spricht und nicht ein esoterischer Schwärmer, der gar nichts von der Faszination der technisch-wissenschaftlichen Rationalität weiss oder sich vor ihr fürchtet. Hört man Schnell dabei zu, wie er von einer anthroposophisch erweiterten Medizin oder Biologie spricht, die die Software-AG-Stiftung ebenfalls fördert, so dämmert einem, was in Zukunft noch alles von Steiners Denkimpulsen erwartet werden kann. Was sind Bildekräfte in der Natur? Warum genau wirken bestimmte Substanzen so wie sie wirken? Die Kinderfragen tauchen wieder auf und werden vom Erwachsenen weiterhin ernstgenommen und vertieft. "Es soll nichts im Dunkel bleiben", ist dabei ein von Schnell gerne geäusserter Satz, der auch kritisch auf die Anthroposophen zielt, die in der Wissenschaft nur ein Instrument der Widersachermacht "Ahriman" sehen. Kein raunendes Nachbeten von Steinerzitaten führe die Anthroposophie aus ihrer selbstverschuldeten gesellschaftlichen Isolation heraus, sondern nur ein volles Bewusstsein heutiger Realität, wozu selbstverständlich auch die Forschung dazugehöre. Paradebeispiel dafür sei etwa die anthroposophische Medizin, die ein Modell auch für andere Gebiete abgeben könnte. Hier träfen Schulmedizin und alternatives Heilwissen aufeinander und in gegenseitiger Ergänzung entstünde etwas Neues, etwa in der Erforschung der Wirkkräfte der bei Krebserkrankungen eingesetzten Mistelpräparate. Hier könne man nicht nur glauben und spekulieren, sondern müsse sich empirischen Standards stellen, wobei sich Spiritualität und Chemie begegnen könnten. Bei diesen Worten musste ich an Rudolf Steiner denken, der einmal das Goetheanum eine Synthese von Tempelbau und Laboratorium genannt hatte.
Nach dem einstündigen Interview, das eine Grundlage für einen eigenen Film abgeben könnte, verlasse ich Hofrichter und Schnell, um draussen noch ein paar Aussenaufnahmen zu machen. Das angenehme Murmeln eines Baches empfängt mich in dem grossen Garten, der eigentlich ein liebevoll gepflegter Landschaftspark ist. Aber es ist kein Bach, sondern ein kunstvoll über mehrere treppenartig angebrachte Steinschalen geführter Wasserlauf: eine betörende Skulptur des Flüssigen, eine Hommage an das Strömende, Grenzüberschreitende, unentwegt Ineinander-Übergehende. Wir wissen ja gar nicht, was Energie überhaupt ist, hatte Schnell vorhin in seiner typischen, manchmal auf Zuspitzung angelegten Art gesagt. Wir wissen nur, dass sich da irgendetwas wandelt und in verschiedenen Erscheinungsformen auftritt. Unter den Dächern des reetgedeckten Hauses wohnt ein Mann, dessen Denken in ähnlichen Bahnen zu verlaufen scheint. Mehr als einmal in unserem Gespräch fragte ich mich: Wen hast du vor dir, einen Physiker, Informatiker, Manager, Naturphilosophen, Künstler, Pädagogen, Mystiker, sozial engagierten Humanisten oder jemanden, der von all diesem etwas verkörpert? Nicht das Grosszügige seiner auf Fürsorge angelegten Persönlichkeit hatte mich an Peter Schnell in erster Linie beeindruckt. Es gibt viele Millionäre, die aus welchen Gründen auch immer einen Teil ihres Vermögen für Spenden und karitative Zwecke bereitstellen. Bei Schnell jedoch steht ein faszinierendes Menschenbild dahinter, das aus einer tiefen Einheitsvorstellung geprägt wird, die Dinge zusammendenkt, die normalerweise getrennt werden. Das Aussenden von "heilenden Impulsen", wie er das Ziel seiner Stiftung umschreibt, erschöpft sich nicht nur in der Pflege von Behinderten und Kranken, sondern im Glauben an einen ganzen, in einem höheren Sinne unversehrten Menschen, der in unserer Gegenwart kaum mehr sichtbar ist. In der Gegenwart bestimmter Menschen kann sich eine solche Vision immer wieder erneuern. Dass dies ausgerechnet in der Begegnung mit einem Software-Spezialisten geschehen würde, hatte ich vorher nicht gedacht.