„Steiner würde das Medium Film heute hoch schätzen“
Fragen an den Filmemacher Rüdiger Sünner
zu seinem Film
"Abenteuer Anthroposophie"
von Jens Heisterkamp (info3, Februar 2008)

 

Nach Filmen über Dag Hammarskjöld und die deutsche Romantik nun ein Werk über Rudolf Steiner – was hat Sie an dem Thema gereizt?
Ich beschäftige mich seit etwa 20 Jahren mit dem Werk Steiners, das für mich sehr viele Anregungen bereithält, auch wenn ich nicht in allem seiner Meinung bin.Nach einigen Jahren eigener Zen-Praxis fand ich es faszinierend, auf einen spirituellen Denker zu stoßen, der inspiriert von östlicher Spiritualität, dennoch westliche Wege – ich denke an keltische Mythen, christliche Mystik, Goethe, den deutschen Idealismus, die Frühromantik und anderes – weiterentwickelte und sich um eine Synthese von Rationalität und Mystik, Wissenschaft und Religion kümmerte.
 
Irgendwie ist dieser Film auch eine Fortsetzung meines letzten mit dem Titel "Geheimes Deutschland", wo es um Novalis, Goethe und Hölderlin ging. Steiner verehrte diese Dichter sehr und empfing schließlich von Goethes Metamorphosenlehre wichtige Anregungen für sein eigenes ganz spezifisches Denken.

Wie kommt man zu den Inspirationen für einen Film über Steiner?
Als ich vorletzten Herbst Steiners Autobiographie "Mein Lebensgang" noch einmal las, sprangen aus der Plastizität seiner Schilderungen bei mir viele Filmbilder hervor, die mich dazu brachten, ein Drehbuch zu schreiben. Ich war überrascht, dass sich dieser Stoff dann doch sehr gut filmisch umsetzen ließ und ich fühlte mich auch durch die Herausforderung gereizt, Steiners komplexen und schwierigen Werk in einem Film gerecht zu werden.

Ihr Film ist nicht unwesentlich von der „Forschungsstelle für Waldorfpädagogik“ unterstützt worden. Inwiefern ist Ihr Film trotzdem mehr als ein Auftragswerk?
Nicht die Forschungsstelle trat an mich heran, sondern ich legte ein bereits fertiges Drehbuch vor, das auch kritische Töne wie den Rassismus- und Antisemitismusvorwurf und auch Kritik an der Waldorfpädagogik enthielt. Während des Drehens hatte ich natürlich die volle Freiheit, alles so zu gestalten, wie ich es wollte. Hansjörg Hofrichter von der „Forschungsstelle“ trug dennoch einige interessante Anregungen bei, etwa die Idee, auch Anthroposophie im Wirtschaftsleben zu berücksichtigen, die dann im Ergebnis eine Bereicherung des Filmes darstellten. Jetzt habe ich das Gefühl, dass der Film doch sehr gut in meine bisherige Filmografie hineinpasst, er ist sozusagen ein logisches Glied in einer schon existierenden Kette.

Bei den Dreharbeiten haben Sie häufig Waldorfschulen und andere anthroposophische Einrichtungen betreten. Welchen Eindruck hatten Sie von der Einstellung anthroposophische Einrichtung gegenüber dem Medium Film?
Das ist sehr gemischt. Viele dort sind durch unfaire TV-Berichte gebrannte Kinder und ich musste erstmal Vertrauen erwerben. Aber das gelang und ich konnte dann doch ungestört alles aufnehmen, was ich wollte. Langsam hat sich wohl auch herumgesprochen, dass Film nicht nur eine negative „ahrimanische“ Betätigung ist, sondern ein aktuelles Medium, in dem man auf sehr vielfältige Weise gestalten kann. Die Schüler haben ja auch mit DVD, Video, Kino, TV etc. zu tun. Am unvoreingenommensten waren die Anthroposophen in Namibia und Ägypten bei Sekem. In der Waldorfschule von Windhoek drehen jetzt sogar Schüler der 11. Klasse einen Film über ihre eigene Schule, wozu ich auch einiges Restmaterial beisteuern konnte. Das finde ich super! Vielleicht würde ich gerne auch mal Film- und Videokurse in Waldorfschulen geben, um die Kids näher an dieses heute so wichtige Medium heranzuführen. Der bewusste, d.h. aktiv gestaltende Umgang mit Bildern ist heute inmitten der visuellen Flut um uns herum eine sehr wichtige Sache.


Ich denke, dass Steiner, lebte er heute noch, das Medium des Filmes hoch bewerten würde. Er selbst denkt ja eigentlich nur in Bildern und spricht oft von Mythen, die ja die eigentliche Urform auch der großen Kinoerzählungen sind.