GEHEIMES DEUTSCHLAND (Filmrezensionen)

  Verborgene Keime

„Es lebe das geheime Deutschland“, die letzten Worte des Widerstandskämpfers Claus von Stauffenberg, hat der Filmemacher Rüdiger Sünner (Schwarze Sonne, Tree of Life) zum Motto seiner neuen Produktion gemacht. Ähnlich wie er in seinem letzten Film "Tree of Life" den meditativen Lebenshintergrund des großen UN-Generalsekretärs Dag Hammarsköld vor der imposanten Naturkulisse Nordschwedens inszenierte, unterlegt Sünner in seinem neuen Werk bekannte und weniger bekannte Texte der deutschen Frühromantik mit betörend schönen Landschaftsaufnahmen aus „heimischen Gefilden“.

Rauschende Wälder und Felder, fließendes Wasser, festgegründete Felsen, und immer wieder: strahlendes, sich brechendes Licht. Sünners Botschaft: die umfassende Einheit und die mystische Verbindung mit der Natur, die viele heutige Suchende nach Asien oder in den Umkreis exotischer spiritueller Lehrer treibt, sie hat hier, im Herzen Europas, vor zweihundert Jahren als kulturelle Blüte gelebt. Doch im Gegensatz zu manch nebuloser Naturmystik der Gegenwart ruhte die empfindende Weltverbundenheit der Frühromantik auf einem gedanklich klaren Fundament. Aber dieses „Geheime Deutschland“ ist heute fast ganz vergessen. Sünner will es wieder lebendig machen, und so lässt er Goethes Sinn für den Granit und für die Entstehung der Farben in dramatischen Bildern aufleben, er folgt Novalis hinab in die Schächte der Nacht, er steht mit Annette von Droste-Hülshoff im Sturm am Bodensee. Mit unendlicher Ruhe folgt die Kamera zum Text von Hölderlins Ode an die Bäume einem gewaltigen Stamm in die Höhe, so als würde man zum ersten Mal eine Eiche sehen. Die eindringlichen Worte und Orte, die mitreißenden Einsichten und Aussichten, sie liegen buchstäblich vor unserer Haustüre, sie sind hier zu finden, mitten in Deutschland, man muss sie nur sehen können. Sünner zeigt uns einen möglichen Weg dazu. Seine Stärke liegt dabei in der filmkünstlerischen Erschließung der Natur. Was leider nur am Rande erscheint, ist die – allerdings entscheidende – Frage, wie wir uns als Menschen denn so entwickeln können, dass sich die von Rationalität und Egoismus zugeschlagenen Türen des Paradieses wieder öffnen. Diese Dimension einer Bewusstseinsevolution, die auch die Frage des Menschenbildes und der Gesellschaft einschließt, hat die Frühromantiker – man denke nur an Schiller oder Novalis – mindestens genauso intensiv beschäftigt wie die Frage der Natur. So gesehen, erfüllt der Film die Erwartungen, die der Titel weckt, nicht ganz, sondern weckt die Hoffnung auf mehr: auf das „Geheime Deutschland“ als einen umfassenden spirituellen Keim einer modernen, wie wir heute sagen würden: integralen Kultur, die um 1800 angelegt war und tatsächlich noch immer zu bergen wäre. (Jens Heisterkamp in info3)


   

„Es lebe das Geheime Deutschland.“ Dies sollen die letzten Worte des Hitler- Attentäters Claus Schenk von Stauffenberg bei seiner Hinrichtung am 20. Juli 1944 gewesen sein ... Für Stauffenberg bildete eben jenes Deutschland der Dichter und Denker, des Idealismus und der Romantik als Erbe eines reichen abendländischen Mittelalters, einen Gegenbegriff zur Barbarei des Nationalsozialismus. Rüdiger Sünner spürt in seinem neuesten Film dieser anderen deutschen Vergangenheit, nicht der von Krieg und Völkermord nach, wobei er sich auf die Spiritualität der Frühromantik konzentriert und feststellt, das ein ganzheitliches Natur- und Menschenbild nicht nur in Fernost sondern eben auch in Europa selbst eine Tradition besitzt. Sünner wirft die Frage auf, welchen Beitrag dieses Denken für unsere heutige Situation, die durch ökologische Krisen und eine zunehmende Entfremdung des Menschen von seinen natürlichen Lebensgrundlagen gekennzeichnet ist, leisten kann ... Am Übergang zum industriellen Zeitalter begreifen die Romantiker ihre Epoche als Zeitalter der Entfremdung von den natürlichen Lebensgrundlagen. Wälder und Wiesen, Berge oder Seen bilden immer stärker einen Gegensatz zur modernen Lebensumwelt, entwickeln sich zunehmend zu Refugien für die vom technischen Fortschritt verunsicherten Menschen. In Märchen oder Naturgedichten stellt man der unsicheren Gegenwart eine utopisch verklärte Vergangenheit gegenüber, lässt sich wie der frühe Clemens Brentano von Volksliedern inspirieren, bis schließlich einige seiner Werke selbst für traditionelles Liedgut gehalten werden. Für Novalis stellt vor allem das Märchen die geeignete Form dar, dem Spezialistentum der industriellen Gesellschaft den Gedanken einer Einheit von Natur und Mensch gegenüberzustellen. In einem echten Märchen müsse die ganze Natur „auf wunderliche Art mit der ganzen Geisteswelt vermischt sein,“ einen Zustand des schöpferischen Chaos, den der Dichter auf der Dritten Stufe seines triadischen Geschichtsmodells: Einheit mit der Natur, Entzweiung und schließlich Wiederherstellung der Einheit auf höherem Niveau wieder anstrebt, wobei alle ganzheitlichen Philosophien im Prinzip diesem dreistufigen Vorstellungsmodell folgen.
Nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs und seiner technologischen Vernichtungsmaschinerie wird im 20. Jahrhundert der Ruf nach einer Überwindung des kalten, rationalen Mechanismus zugunsten einer neuen Wissenschaft laut, die das Geistige in der Natur nicht ausschließt ... Auch für den zeitgenössischen Philosophen Gernot Böhme ist die mystische Erfahrung der Einheit des Menschen mit der ihm umgebenden Umwelt ein zentraler Bestandteil jeder Naturphilosophie, wodurch er eine Aufnahme der Naturästetik in eine zeitgenössische Naturphilosophie fordert, einem Ansatz, dem auch Sünners Films folgt. Wie Sünner verknüpft Böhme die Notwendigkeit eines neuen Naturbegriffes aufs engste mit der ökologischen Krise und folgt letztendlich Novalis triadischem Geschichtsmodell wenn er fordert, „das Ideal des Vernunftmenschen zu überwinden – ohne die Errungenschaften des Rationalität preiszugeben“ – die Wiederherstellung der Einheit mit der Natur auf höherem Niveau.
Sünner lädt in kontemplativen Landschaftsaufnahmen zu einem mystischen Naturerlebnis ein, setzt nur spärlich Kommentare und vertraut auf weiten Strecken der Suggestivkraft, die durch die Synthese der Bilder mit den vorgelesenen Textauszügen Goethes, Novalis, Herders und anderen entsteht. Die Bilder folgen der Ästhetik romantischer Landschaftsmalerei, behutsame Überblendungen führen den Zuschauer in ruhigen Einstellungen durch Wiesen, Wälder, lassen den Blick über Flüsse und Felder dem Horizont entgegengleiten oder sich in einem Sonnenuntergang am Meereshorizont verlieren. Goethes Gedanken zum Licht werden durch lange Zeitraffereinstellung eines Sonnenauf- und Untergangs, der sich in einem See spiegelt, visualisiert, Erinnerungen an Riedelsheimers Rivers and Tides werden wach. Durch seine eindringliche Langsamkeit bewirken Worte und Bilder, unterlegt von ambienten Klangkollagen und romantischer Musik, die teils von Sünner selbst eingespielt wurde, im Zuschauer ein sanftes Gefühl des Getragenseins, ein Gefühl der Verbindung und Verwandtschaft zwischen allen Formen der Natur und deren Betrachter. Sünners Film passt sich in seinem behutsamen Fluss den Naturformen an, den im Wind sich wiegenden Kornähren, den rauschenden Wäldern, den dahingleitenden Wolkenbildern, und lädt den Zuschauer dazu ein, teilzuhaben an der immerwährenden Bewegung allen Lebens. Ein ausführliches Interview mit dem zeitgenössischen Naturphilosophen Jochen Kirchhoff rundet die liebevoll ausgestattete DVD ab.
(Matthias Abel in Ikonen)


  Vom überlieferten letzten Ausruf vor seiner Exekution ausgehend, nimmt Rüdiger Sünner die Worte des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg auf und macht sich auf eine Suche nach dem sinnlich erfahrbaren „geheimen Deutschland“, welches er in Gedichten der Frühromantik und in Naturlandschaften quasi unweit unserer Haustür entdeckt. Er stellt sich und uns die Frage, ob nicht eben jenes „geheime Deutschland der Dichter und Denker“ immer noch und gerade auch jetzt wertvolle Perspektiven und Ideen bereit hält, welcher wir jenseits von wissenschaftlich verkürzten Zugängen zur Natur zur Überwindung weitgehend materialistischer Orientierung bedürfen. Schillers Feststellung, das Zeitalter sei aufgeklärt, lässt er dessen Frage folgen: „Woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?“ Gerade erst sind die Bilder des Treibens in einer heute prototypischen Einkaufsstraße verblichen – Sünner reichen solche Andeutungen, um zu provozieren.

Sein Film ist im Übrigen angenehm ruhig, lässt behutsam eingefangenen Bildern ähnlich viel Raum wie den Dichterworten, die er mit jenen Landschaften verbindet und somit die Ahnung einer Wahrnehmung ermöglicht, die den Menschen und seine Seele nicht jenseits einer von ihm getrennten Natur verortet, sondern welche die gesamte Natur als beseelt erlebt. Diese Wahrnehmung wird im Interview mit dem Naturphilosophen Jochen Kirchhoff konkretisiert, hinterfragt und – offenbar vor dem Hintergrund persönlich verletzender Urteile – von Kirchhoff ein Stück weit rehabilitiert. Der Regisseur greift somit mehrere Themen auf, denen er bereits vor einigen Jahren Artikel in seinem Online-Magazin „Atalante“ widmete und fügt ihnen nun ästhetische Dimensionen hinzu, die auch dem thematisch wenig Bewanderten einen unbefangenen Zugang ermöglichen könnten. Sünners Annäherung ist eine ungewöhnlich sinnliche, bei welcher er Qualitäten des Mediums Film ausspielt, welche im Fernsehen wohl nur selten zum Tragen kommen. Den eigenen Gang raus in die Natur kann das nicht ersetzen, aber immerhin auf sehr inspirierende Weise anregen – auch zur Lektüre der genannten und zitierten Autoren. Die skizzierte Naturwahrnehmung und -philosophie weist eine Nähe zu Ideen auf, wie sie heute auf ähnliche Weise von vielen jungen Musikern, zum Beispiel von Andreas Hedlund (siehe das Interview mit Vintersorg in dieser Ausgabe), formuliert werden. (Thor Wanzek in Legacy)


Die Frühromantik ist für viele eine der bedeutendsten Epochen deutscher Geistesgeschichte. Um das Jahr 1800 versammelte sich eine ganze Schar genialer Denker und Künstler mit einem gemeinsamen Anliegen: dem aufkeimenden Rationalismus der frühen Aufklärung eine Weltsicht entgegenzustellen, die die unabhängige rationale und schöpferische Individualität verbindet mit der Erfahrung spiritueller Tiefe (s. a. „Eine kleine Geschichte der evolutionären Spiritualität“ in dieser Ausgabe von WIE). Die „Poetisierung“ der Welt und des Menschen war das Ziel dieser Frauen und Männer. Der Filmemacher Rüdiger Sünner sieht in den heute populären Workshops in Meditation, schamanischen Ritualen oder östlicher Spiritualität eine geheime Wiederkehr dieser romantischen Ideen.
Die scheinbaren Übereinstimmungen im Denken der Frühromantik mit zeitgenössischer Spiritualität bewegte Sünner dazu sich auf eine mehrdimensionale Reise zu begeben: Zuerst einmal in die Literatur jener Zeit, die eine zentrale Rolle in seinem Film bekommt. Hier schöpft er aus dem engen Kreis der Frühromantiker, vor allem aus den poetischen Visionen eines Novalis, aber auch aus ihrem geistigen Umfeld: Werke von Goethe, Schiller, Herder, Hölderlin und Droste-Hülshoff. Und Sünner reist mit seiner Kamera auch selbst zu den Lebensorten dieser Künstler und Philosophen – Heidelberg, Tübingen, Meersburg – und an Orte „unberührter“ natürlicher Schönheit, die ihre romantische Weltsicht inspirierte.
Sünner beginnt seinen Film mit Worten Schillers, die das Bruchstückhafte einer Zeit beklagen, in der Verstand und Herz auseinander gerissen werden, und damit auch der Mensch und seine Welt. „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus. … Und statt die Natur der Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“ In unserer postmodernen Zeit, nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, scheinen die Worte Schillers mehr als je eine treffende Beschreibung unseres menschlichen Dilemmas zu sein: „Das Zeitalter ist aufgeklärt, woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?“
Die Antwort auf dieses Dilemma war für die Frühromantiker die Suche nach Tiefe und Seele, die sie in der Verehrung der Natur fanden – eine Verehrung, die für sie die Erfahrung einer heiligen Dimension des Lebens bedeutete. Diesem romantischen Motiv widmet sich Sünner in aller Ausführlichkeit und verschmilzt dazu die Worte der Dichter mit wunderschönen Naturaufnahmen, die uns mitnehmen auf eine bilderreiche Reise zu malerischen Landschaften, uralten Eichbäumen und verborgenen Gärten – eine poetische, geisterfüllte Reise, die tiefere Dimensionen des Lebens erahnen lässt. Die Natur ist (und das ist auch der wichtigste Punkt, den die Romantiker gegen den Strom der Zeit setzen wollten) etwas ganz anderes als eine „beliebig ausbeutbare Rohstoffhalde“. Als frühe Vorboten der Ökologiebewegung kamen sie zu einem innerlichen Verständnis der Natur, das sich wohltuend absetzt von jeder materialistischen Haltung, die oft auch in der heutigen Ökologiebewegung vorherrscht. In Goethes Worten: „Es ist keine schönere Gottesverehrung, als die zu der man kein Bild bedarf, die bloß aus dem Wechselgespräch mit der Natur in unserem Busen entspringt.“
Somit wird Sünners Film zu einer cineastischen Inszenierung großer Gedichte, wie Hölderlins Die Eichbäume. In der Zeile, „Wie die Sterne lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen“, werden die Eichen selbst zu einer Allegorie einer freien Menschheit, die das Leben als die Verbindung zwischen Himmel und Erde versteht. Sünner vermag kraftvoll und überzeugend die Erkenntnisse der Frühromantiker von den tieferen Dimensionen der Natur in bewegenden Bildern zu vermitteln. Was aber in seinem Portrait dieser Künstler und Philosophen zu fehlen scheint, ist die frühromantische Vision einer neuen Gesellschaft, in der Tiefe und Aufklärung, Spiritualität und Verstand sich zu einer neuen Spiritualität vereinen. Es ist diese Vision einer anderen Aufklärung, die diese Visionäre zu einem Meilenstein in der Geschichte des menschlichen Geistes macht. (Nur ein empfehlenswertes Interview mit dem Philosophen Jochen Kirchhoff, das auf der DVD enthalten ist, wirft Licht auf diese wichtigen Bereich romantischen Denkens).
Durch das Fehlen dieser historischen Dimension vermittelt es sich nur schwer, welchen weit reichenden Einfluss diese großen Geister auf die deutsche Geschichte ausgeübt haben – dass selbst, wie Sünner im Film zeigt, Graf Stauffenberg seine Inspiration für den Widerstand gegen Hitler in diesen Dichtern und Denkern fand. Stauffenberg sah sich selbst in einer Geistestradition, die auf die Frühromantiker zurückgeht, und die er als das „Geheime Deutschland“ verstand. Aber es ist zweifellos Sünners Verdienst mit diesem wunderschönen Film eine Quelle modernen und aufgeklärten spirituellen Denkens zu erschließen, die uns in unserer Suche nach einer postmodernen Spiritualität noch viel zu sagen hat.
(Mike Kauschke in
www.wie.org/de)


Das Magazin fürs Wesentliche (Lebenskunst - Weisheit - Heilung), April 2007

Guru Goethe?

»Es lebe das Geheime Deutschland!« soll Graf Stauffenberg kurz vor seinem Tod gerufen haben. Das »Geheime Deutschland« steht für die ehrwürdige, humane und lebensbejahende Tradition der deutschen Dichter und Denker, die der Hitler-Attentäter der Nazi-Barbarei entgegensetzen wollte. Filmemacher Rüdiger Sünner distanziert sich damit gleich zu Beginn vom Vorwuf, eine rechtsgerichteten Irrationalismus zu pflegen. Wer sich vom Diktat des wissenschaftlichen »Flachland-Denkens« (Ken Wilber) und der ökonomischen Nutzen-Orientierung befreien will, sollte zu den transrationalen, romantischen, ja spirituellen Wurzeln des deutschen Geistes zurückzugehen.
Ein herausragendes Einfallstor dieses Geistes war die so genannte Goethe-Zeit, vor allem das erste Viertel des 19. Jahrhunderts, in dem Dichter wie Goethe, Schiller, Hölderlin, Kleist und Novalis ungefähr zeitgleich mit Komponisten wie Beethoven und Schubert, mit Philosophen wie Herder, Fichte, Schelling und Hegel wirkten. Wesentliche Fragen, die auch die heutige spirituelle Szene bewegen, wurden innerhalb dieses relativ kleinen Zeitfensters auf sprachlich und gedanklich hohem Niveau diskutiert: Die Welt als unteilbare Einheit, die Natur als gottdurchwirkter Organismus, die Realität als Schöpfung unseres Geistes, Intuition als Königsweg zum Naturverstehen, der Dichter als Prophet und gottähnlicher Mitschöpfer – solche Gedanken sind in esoterischer Literatur Belesenen durchaus vertraut. Verglichen der Geistestiefe des deutschen Idealismus gleichen manche populärspirituelle Systeme von heute allerdings eher dem Versuch Wagners »Tristan« mit den künstlerischen Mittel eines Dieter Bohlen zu komponieren.
Rüdiger Sünners Film wirkt vor allem durch die suggestive Kraft der von ihm ausgewählten Zitate von Novalis, Hölderlin, Goethe, Annette von Droste-Hülshoff u.a. Neben den Kapiteln über die Naturreiche (Wald, Wasser, Gestein, Licht) überzeugen vor allem diejenigen Abschnitte, die sich mit Kritik an der Moderne, am Rationalismus und am Zweckdenken befassen, etwa »Der Maschinenmensch«. Hier verblüfft die visionäre Treffsicherheit der »toten Dichter«. Neben fast zu offensichtlichen Text/Musik/Bild-Kombinationen (etwa Novalis’ Hymnen an die Nacht zu Wagners »Tristan« und Weltraumbildern von Galaxien) gibt es auch für Literaturkenner noch etwas Neues zu entdecken: etwa spannende Zitate aus Schillers »Über die ästhetische Erziehung der Menschen« und aus Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Der Begriff »Frühromantik« ist dabei teilweise verwirrend, weil z.B. Schiller normalerweise nicht als Romantiker betrachtet wird, während Droste-Hülshoff (gest. 1848) verglichen mit der Frühromantik eines Novalis, Schlegel oder Tieck nicht besonders früh lebte. Trotzdem stören diese kleinen Ungenauigkeiten nicht, da der Film gedanklich und visuell aus einem Guss ist.
Die Bebilderung des Films, überwiegend mit Naturbildern, mutmasslich alle aus Deutschland, lenkt nicht zu viel Aufmerksamkeit von den Texten weg, was wohl auch sinnvoll und beabsichtigt ist. Die idyllischen Naturaufnahmen beruhigen das Auge und zeugen nur in wenigen Fällen von mitschöpferischer Fantasie des Filmemachers. Die eingeblendeten Dichter-Schattenrisse, die als Rahmen für Naturbilder immer wieder auftauchen, wirken dagegen steif, als ob hier eher der eingefrorene Mythos als die Menschlichkeit der Künstler evoziert werden sollte. In manchen Fällen hätte ich mir gewünscht, dass Sünner ausnahmsweise Abschied vom Schönbild nimmt und Hässlichkeit und Entfremdung im Stil zivilisationskritischer Filme wie »Koyaanisquatsi« darstellt.
Ein Gewinn ist in jedem Fall Rüdiger Sünners Interview mit dem Naturphilosophen Jochen Kirchhoff, der äußerst kenntnisreich, integer, klug und klar über die tiefenökologischen Aspekte in der Frühromantik und über die Entfremdung des modernen Menschen von Natur und Geist (Spirit) spricht. Für die, die ihn noch nicht kennen: Wer Ken Wilber und Joanna Macy mag, wird auch Jochen Kirchhoff mögen. Insgesamt eine anerkennenswerte Produktion, für Germanisten und Akademiker auf Textwüstenwanderschaft eine erholsame Oase, für Neulinge ein gelungener Einstieg, der, um goutiert zu werden, allerdings ein Minimum an Geduld, Aufmerksamkeit und meditativer Ruhe voraussetzt. (Roland Rottenfußer in www.connection.de)

Der Zürcher Oberländer, 27.03.07

Alternative zu moderner Esoterik?
Nach den okkulten Strömungen des Nationalsozialismus untersucht Rüdiger Sünner jetzt die Spiritualität deutscher Dichter und Denker. Mit Goethe, Schiller, Novalis, Hölderlin und Herder wird schöngeistige Kultur und eine überholte Weltsicht assoziiert. Dilettierend konnten jene mit den Forschern ihrer Zeit mithalten, auf die Synthese von Kopf und Herz, Wissenschaft und Religion hoffend. Dieses Ideal prägt bis heute Rudolf Steiners Anthroposophie und die Jung'sche Tiefenpsychologie: beides Randphänomene des geistigen Mainstreams, bedingt attraktiv für moderne Sinnsucher. Diese sehen ihr Heil in Esoterik, Schamanismus und fernöstlichen Religionen. Kein unbedenkliches Unterfangen, meint der Filmemacher, Schriftsteller, Musiker, Philosoph und Germanist Rüdiger Sünner. In «Schwarze Sonne» ging er der mythologischen Komponente des «Dritten Reichs» nach, dem Weiterwirken ihrer Symbole in der rechten Esoterik. Der lichten Gegenbewegung gilt «Geheimes Deutschland», ein auf DVD herausgekommenes filmisches Essay. Es demonstriert die Aktualität der anfangs genannten Autoren, die eine mit westlichem Denken kompatible Spiritualität entworfen und gelebt haben. Der Titel zitiert ein Motto von Anhängern Stefan Georges, zu denen der Widerstandskämpfer Claus von Stauffenberg gehörte. Der gescheiterte Hitlerattentäter soll vor der Hinrichtung gerufen haben: «Es lebe das Geheime Deutschland!»

Beseelt erlebte Schöpfung
Die Analyse der heutigen Sinnkrise beginnt der Filmemacher mit Auszügen aus Schillers «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen». Sie nehmen Marx' Entfremdungstheorie vorweg und lassen sich eins zu eins auf gegenwärtige Probleme übertragen. Selbst wer den Text kennt, staunt einmal mehr, wie präzis Schiller die seelische Verkümmerung des aufgeklärten Menschen geschildert hat. Als Therapie postuliert Sünner mit Herder eine philosophisch-sinnliche Anschauung der Natur. Über die in ihr waltenden Mächte staunend, erfährt der Mensch eine neue Denkart. Die Probe aufs Exempel bilden im Folgenden eine Vielzahl literarischer Texte, Hymnen an die als beseelt erlebte Schöpfung. Sie werden kombiniert mit dezent eingesetzter Musik und Naturaufnahmen, die nie ins Geschmäcklerische oder Spektakuläre abgleiten. Die Worte laden die Bilder mit Bedeutung auf und verwandeln sie in Medien einer Erfahrung, in der sinnliche Form und geistiger Sinn eins werden.

Manifestationen des Geistes
Selbst vor dem Bildschirm sitzend, erahnt man die Kraft solch meditativer Naturanschauung. Sie befähigt, die Elemente als Symbol einer psychischen Instanz wahrzunehmen, die dem Alltagsbewusstsein fremd ist. Wie die Klassiker und Romantiker hält Sünner diese Schau nicht für eine Projektion, sondern für die Realisation einer fundamentalen Harmonie: Natur und Mensch sind Manifestationen des universalen Geistes. Das klingt nach Esoterik und östlicher Religion und deckt sich in der Tat weitgehend mit deren grundlegenden Konzepten. Sünner argumentiert aus spürbarer Sorge heraus: Die «eigenen spirituellen Traditionen, die von Hildegard von Bingen, Wolfram von Eschenbach, Paracelsus, Meister Eckhart bis hin zu Novalis, Schelling, Goethe, Rudolf Steiner und C. G. Jung reichen», gibt er zu bedenken, könnten uns darüber belehren, «wie wir mit Göttern und Archetypen in Verbindung bleiben, ohne wachen Verstand und individuelle Autonomie an okkulte Rituale, übermächtige Gurus und nebulöse Orakel zu verlieren». (Tibor de Viragh in "Der Zürcher Oberländer")


  Mit »Geheimes Deutschland« legt der Filmemacher, Autor und Musiker Rüdiger Sünner, Jahrgang 1953, einen neuen Film vor. Bisherige Werke waren »Die Legende vom Nil« (über Paul Klee in Ägypten), »Schwarze Sonne« (zum nationalsozialistischen Missbrauch der Esoterik) und »The Tree of Life« (über das Leben Dag Hammarskjölds). Außerdem schrieb er das Buch »Totenschiff und Sternenschloss« (siehe DIE DREI, Nr. 7/2004) über seine eigene geistige Entwicklung.
Obwohl es den meisten Menschen in Deutschland materiell gut geht, ist unsere Zeit durch tiefe Ratlosigkeit gekennzeichnet. Hinter all dem Zergliedern, Anatomisieren, Diskutieren und Atomisieren muss doch etwas sein, was die Erscheinungen der Welt zusammenhält. Wer Glück hat, kennt wenigstens noch einige Gedichte von Goethe, Hölderlin, Novalis oder der Droste-Hülshoff. Mit Worten dieser Dichter und eigenen Filmbildern zieht Rüdiger Sünner gegen die heutige Geistarmut zu Felde.
Vielen Menschen sind die Schätze unbekannt, die in der deutschen Sprache seit Jahrhunderten niedergelegt sind und auch heute Antwort geben können auf viele Fragen, und wenden sich stattdessen an fernöstliche Esoterik. Doch hat besonders die Frühromantik ein spirituelles Weltbild entwickelt, das große Dichter in Mitteleuropa beflügelte. Ihre Werke können Helfer sein bei dem Umdenken, das nötig sein wird, damit die Menschheit nicht in den Abgrund steuert. Über das Hauptmenü mit Goethes Lichtprofil im Zentrum können Mitteilungen über Sünner selbst, Trailer seiner bisherigen Filme, Literaturhinweise und die zehn Kapitel des Films »Geheimes Deutschland« angeklickt werden. Unter »Film ab« beginnt die Reise zur Spiritualität der Frühromantik.
Auftakt und Vorspann sind Fotos von der Gedenkstätte des 20. Juli 1944 in Berlin-Tiergarten. Ein Hinrichtungsort als Keim für Künftiges? »Es lebe das geheime Deutschland!« soll Claus Schenk von Stauffenberg kurz vor dem Tod ausgerufen haben. Gemeint war das Deutschland der Frühromantik, das er und viele seiner Freunde als das wahre, eigentliche Deutschland ansahen.
»Der Nutzen ist das große Idol der Zeit.« Dieser Satz aus Friedrich Schillers Briefen zur »Ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts« leitet den zweiten Teil ein. Schiller sitzt – im hellen Profil – am Tisch und schreibt: »Das Zeitalter ist aufgeklärt. Woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?« Es folgen Bilder vom weiten Meer, mit Worten Johann Gottfried Herders, der einst eine monatelange, initiierende Schiffsreise unternahm. Dann die Enge des Stifts Maulbronn, wo Hölderlins Freude an christlichen Inhalten durch übergroße Härte vergällt wurde. Weite fand er im Geistigen des »Vater Äther«. Mit Joseph von Eichendorffs »Rauschen der Haine« hat Sünner sich bereits früher in Aufsätzen beschäftigt. In den Zweigen der Bäume hängen Bilder, vom Wind bewegt und beseelt. Eine geheimnisvolle, natürliche Moorlandschaft wird gezeigt. Im Vergleich dazu haben die modernen Biotope keine Magie. Der Bodensee erwacht zu innerem Leben unter den Worten des Gedichts »Das Schilf« von Annette von Droste-Hülshoff, während das Uferschilf durch ihr Lichtprofil weht. Bilder des verwunschenen Flusses vereinen sich mit Friedrich Hölderlins Gedicht »Der Neckar«. Das minutenlange Betrachten des Wassers mit immer der gleichen einfachen Melodie wirkt auf den Schauenden und Hörenden meditativ entrückend. Im Teil »Die Grundfesten der Erde« kehrt er zurück, Worte Goethes über den Granit begleiten Bilder vom Brocken. Von feierlicher Musik untermalt, folgt eine Betrachtung von Turmalinen. Ihr Magenta erscheint als die heiligste aller Farben der Natur.
Die Taten und Leiden des Lichtes: Ein Sonnenaufgang, vielleicht am Bodensee. Unter wunderbarem Farbenspiel wird es Tag. Die hochstehende Sonne ist nur durch Blätter und Zweige hindurch zu ertragen. Der Sonnenuntergang ist ein langer Kampf zwischen einem widerscheinenden Rot im dunklen Wasser, ein Drama zwischen Licht und Finsternis. Der englische Physiker Newton sah mit seiner Farbtheorie nur das weiße, zerlegbare Licht. Goethe hielt diesen Weg für einen Irrtum – den tieferen Grund verstehen wir erst heute. »Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich … Es wird kommen – und treffen«. Unheilvolles ist im Anzug, das sich gegen den Menschen wenden wird.
Im Hintergrund unheimliche Geräusche. Ist das noch Musik? Oder ist es der Schrecken des Krieges? Allein dieses Dräuende versetzt den Zuhörer in Spannung. Stacheldraht, Tierversuche, der Homunculus in der Retorte. Religionshass greift um sich. »Wo keine Götter sind, walten Gespenster«, sagt Novalis in »Die Christenheit oder Europa«. Klagendes Trommeln, die Sonne wird schwarz, alles verkehrt sich in sein Gegenteil.
Aus Novalis »Hymnen an die Nacht«: »Abwärts … zu der … unaussprechlichen Nacht …«. Der Sternenhimmel tut sich auf. »Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?« Als Ausklang steigt die gleichförmig-erregende Melodie einer Flöte in den Äther.
In einem anschließenden Interview fragt Sünner den Naturphilosophen Jochen Kirchhoff nach der »Weltseele«. Kirchhoff weist auf die Bevorzugung bestimmter Prämissen hin, auf die Einbeziehung des lebendigen Subjekts in der Naturphilosophie und auf den Raum zwischen den Menschen als Ort des Bewusstseins. Das richtige Fragestellen müsse wieder erlernt werden, besonders nach den von den Naturwissenschaften nicht hinterfragten, aber ihnen zugrundeliegenden metaphysischen Annahmen. Am Beispiel Wolfgang Amadeus Mozarts zeigt er die Unausschöpflichkeit des Menschen.
Sünners Literaturliste umfasst unter anderem Jochen Kirchhoffs »Anderswelt. Eine Annäherung an die Wirklichkeit«, Drachenverlag 2002, Rüdiger Safranskis Schillerbiographie und Florian Roders zwei »Novalis«-Bände. Neben eigenen Kompositionen verwendet er Musik von Richard Wagner und Domenico Scarlatti.
Verhalten sind die Bilder, langsam der Text. Wenn der Zuschauer Geduld entwickelt hat, können Eichendorff, Hölderlin und die Droste nahe treten. Wie die Bilder unter Novalis’ Worten in den »Lehrlingen zu Sais« mit langsamen, vorsichtigen Überblendungen ineinander übergehen! Ein ungewöhnlicher, kontemplativer Film mit Blick auf höchste Kulturleistungen des deutschen Idealismus – vor 200 Jahren. Durch das Interview mit Kirchhoff wird der Eindruck relativiert, dass wir Heutigen uns ausschließlich der damaligen Zeit zuwenden müssten, um Geistiges zu erfahren.
Der Film von wenig mehr als einer Stunde Dauer hilft dem überforderten Menschen von heute, die Stille wieder zu finden. Die Stille, die ihn zu sich selbst kommen lässt. Lange darf das Auge auf den schönen, oft außergewöhnlichen Bildern ruhen, während Kopf und Herz die dazu gesprochenen Gedichte und Sentenzen aufnehmen. Rüdiger Sünner offenbart mit dieser Art der filmischen Betrachtung die künstlerischen Möglichkeiten des Films, Landschaft, Dichtung und Musik als schöpferisches Gesamtkunstwerk zu vereinen.
Der Film initiiert ein Erwachen des Einzelnen. Zweihundert Jahre sind in der kulturellen Gesamtentwicklung keine allzu lange Zeit. Deutschland ist schwierige Wege gegangen seitdem. Von vielen wird die geistige Entwicklung im Sinne einer ausschließlich materialistischen Anschauung der Welt als Irrgang erkannt. Wie öffnen wir die verschlossenen Herzen wieder dem Schönen? Der Zauber des deutschen Waldes, der Seen, der Heide tritt, im Volkslied in Gemüthaftigkeit empfunden, in eine neue, spirituelle Nähe zu uns. Dieser Film mit seinem andachtsvollen Blick ist eine Anleitung zum Sehen des Geistigen in unserer Umwelt, des immer noch vorhandenen, geduldig auf uns wartenden Geistigen der Natur.
(Maja Rehbein in "DIE DREI")